Von der Kampforganisation zum Event-Management

GEWERKSCHAFTSPOLITIK Die Gewerkschaften fahren Erfolge an der Urne ein und verprellen ihre Basis im Betrieb. Denn sie vertreten nicht die Interessen der ArbeiterInnen, sondern ihre eigenen. Die Gewerkschaftsführung sucht immer nach demjenigen Feld, das sie möglichst gewinnbringend beackern kann.

 

(az) Es ist ja nicht so, dass die Gewerkschaften das Wort «Klassenkampf» scheuen. Sie reden ständig vom Klassenkampf – immer dann, wenn sie eine neuen Schachzug der Bosse beklagen. Für die Gewerkschaften gibt es den Klassenkampf nur von oben. Im Betrieb selbst in die Offensive zu gehen, vermeiden sie. Warum tun sich die Gewerkschaften mit dem Kämpfen im Betrieb so schwer? Zumal in anderen Bereichen die Gewerkschaften durchaus die Ziele erreichen, die sie sich gesteckt haben: dieses Frühjahr führte der SGB eine erfolgreiche Kampagne gegen den Rentenklau. Warum verlieren sie in der direkten Konfrontation und gewinnen sie, wenn sie sich als politische Bewegung geben?

Ein Teil der Antwort liegt in der Ideologie der Sozialpartnerschaft. Soll ein Betrieb geschlossen werden wie bei Clariant in Muttenz (vgl. Artikel nebenan), dann verwenden die FunktionärInnen ihre ganze Energie nur mehr darauf, einen Sozialplan auszuhandeln. Sie wollen nie den Anschein erwecken, sie würden die Sozialpartnerschaft gefährden: das tun die anderen, die Bosse, die nichts anderes als ihre Interessen durchdrücken. Die Gewerkschaften aber, so finden sie, haben das grosse Ganze im Auge. Sozialpartnerschaftliche Rituale wie Konsultationsverfahren, runde Tische oder die Verhandlung eines Gesamtarbeitsvertrags lassen die Gewerkschaften so aussehen, als würden sie das Gesellschaftsganze vertreten. Sie sind vernünftig, denken mit, halten sich an den Rahmen und machen der Belegschaft klar, dass diesmal leider nicht mehr drin gelegen ist. Nur: Für die Gewerkschaft gibt es ein nächstes Mal. Für die Entlassenen nicht.

Lohnautomat im Langen Aufschwung
Das grosse Ganze, das die Gewerkschaften im Auge haben, heisst Wirtschaftswachstum. Gebetsmühlenartig wird das Bild vom Kuchen bemüht, von dem alle anteilsmässig ein Stück abbekommen sollen, das Kapital, die ArbeiterInnen, der Staat in Form von Steuern. Dieses Bild vom Kuchen ist falsch: vielmehr backen die ArbeiterInnen den Kuchen, den die Bosse sich aneignen und einige Brosamen zurückgeben. Aber das Bild ist anschaulich und hat eine Zeitlang eingeleuchtet, als im langen Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg die Ideologie der Sozialpartnerschaft gefestigt wurde. In dieser Zeit funktionierten die Gewerkschaften als Lohnautomat: man bezahlte seinen Mitgliederbeitrag, die Funktionäre (damals alles Männer) setzten sich mit den Bossen an den Tisch und handelten aus –  Teuerungsausgleich plus einen Teil der Produktivitätsgewinne ergaben eine reale Lohnerhöhung. Der grössere Teil der Produktivitätsgewinne ging an die Bosse, die mehr Profit machten. Der Kuchen wuchs. Heute ist das grundsätzlich anders – um im schiefen Bild zu bleiben: der Kuchen schrumpft und er zerbröselt dabei. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse nehmen zu, die Verhandlungsstärke sinkt. Von oben werden die Gewerkschaften nicht mehr ernst genommen. Und unten vertraut man ihnen immer weniger.

Die Mitglieder als Asset
Damit sind wir auch beim anderen Teil der Antwort. Dass die Gewerkschaften eine Kraft sind, die ihre eigenen Interessen verfolgt, ist zwar eine Binsenwahrheit, hat aber sehr reale Auswirkungen. Wo sie sich nicht mehr als Sachverwalter der Arbeitskraft verkaufen können, suchen die Gewerkschaften ein anderes Betätigungsfeld. Das zeigt sich auch im Funktionärsapparat, von dem ein guter Teil aus VersicherungsvertreterInnen, Event-ManagerInnen und PolitologInnen besteht. Für FunktionärInnen mit politischem Anspruch ist es zunehmend schwer, neben der Mitgliederwerbung noch Vertrauensleute im Betreib aufzubauen. Kritische GewerkschafterInnen setzen Hoffnung in die Konzepte des «Organizing» aus den USA, nach denen die Leute im Betrieb politisiert und zu eigenmächtigem Kämpfen angehalten werden sollten. Die Grundhaltung, die Mitglieder als Manövriermasse zu sehen, ist aber geblieben. Und zum Ende einer Kampagne wird es regelmässig wieder still um die «Organizing»-Konzepte.
Auch wenn ihnen die Leute davonlaufen, haben die Gewerkschaften immer noch viele Mitglieder. Rund 750 000 Personen sind in der Schweiz bei einer Gewerkschaft dabei, das ist mehr als doppelt so viel wie alle Parteien zusammen. Wie ein Management analysiert die Führung die Situation: Seit die SP vermehrt auf neoliberalen Kurs eingeschwenkt ist, gibt es ein Vakuum, das vor allem die Unia zu füllen sucht. Dabei geht es nicht mehr um konkrete Gegenmacht im Betrieb, sondern um den fotogenen Auftritt auf dem Bundesplatz und die forsch lancierte (oder auch nur angedrohte) Volksinitiative. Einst waren die Gewerkschaften von der Kampforganisation zur Versicherung abgesunken, heute simuliert die Versicherung eine reformistische Bewegung.

 

(Vorabdruck aus dem Schwerpunkt "Gewerkschaften" der aufbau-Nummer 61: hier als PDF)


 
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