Clariant: Das Feuer der Unia


ARBEITSKAMPF «Es ist ein schmerzhafter Prozess, dem wir uns aber stellen müssen.» so Kottmanns Stellungsnahme bei der Ankündigung des neusten Kahlschlags bei Clariant im Februar. Schmerzhaft ist der „Prozess“ allerdings nur für die Entlassenen. Freude bereitet er vor allem Widmer, dem Verwaltungsratspräsidenten und natürlich den AktionärInnen.


(rabs) Mit den angekündigten Massnahmen will Clariant sich wieder auf die „Erfolgsstrasse“ zurückbringen. „Marktleaderin“ lautet das Zauberwort. Um dies zu erreichen müssen weitere 500 ArbeiterInnen und Angestellte über die Klinge springen. 400 davon im Hauptwerk Muttenz. In den nächsten zwei bis vier Jahren soll die Produktion von Farbstoffen und Chemikalien für die Textilindustrie nach Asien und die Produktion von Chemikalien für die Papierindustrie nach Spanien verlagert werden.
Abbauwellen sind bei dem 1995 gegründeten Chemiemulti nichts Neues. In den letzten 10 Jahren sind schon über 10000 Arbeitsplätze in aller Welt wegrationalisiert worden (Aufbau57). Deshalb wurde an einer Belegschaftsversammlung Ende Januar ein Kampfkomitee gegründet, das auch von der Gewerkschaft Unia und vom Solidaritätskomitee unterstützt wird. Ziel war es, sich auf die bevorstehenden Abwehrkämpfe vorzubereiten. Als Kottmann am 16. Februar die faktische Schliessung der Produktion in Muttenz (BL) bekannt gegeben hat, konnte sich das Kampfkomitee jedoch genau einmal treffen. Eindeutig zu wenig für eine unmittelbare und entschlossene Antwort. Die Entlassungen wurden der Belegschaft schliesslich an vier Informationsveranstaltungen, den „Downhall-Meetings“, kommuniziert. An diesen wurden Flugblätter verteilt und Belegschaftsmitglieder traten, im Gegensatz zu früher, bewegt ans Mikrofon. Willkommene Unterstützung gab es auch aus Zürich: Während Kottmann es, wie schon so oft, vorgezogen hat, statt vor die Belegschaft vor die Medienschar zu treten und seine Botschaft Richtung Investoren zu senden, kam es zu Störaktionen. An der Bilanzmedienkonferenz in der Schweizer Börse blockierten linke Militante teilweise den Zugang.

Die Kniffe der Manager
Wenn die ersten Kündigungen auch erst 2011 – 2012 ausgesprochen werden sollen, so trifft die angekündigte Massenentlassung die ArbeiterInnen und Angestellten doch um nichts weniger hart. Die vom Management sicherlich nicht zufällig gewählte Methode belässt die potentiell Entlassenen bewusst in grosser Unsicherheit: Zunächst einmal wurde der Hammerschlag verkündet, um dann gleich zu erwähnen, dass die Entlassungen gar noch nicht ausgesprochen seien. Ein „Trick“, der die erste Empörung abfederte und eine unmittelbare Reaktion verhinderte. Es ist dies eine Mischung aus Hoffnung, dass gerade man selbst von den Massnahmen nicht betroffen sein werde, und Vertrauen in die lange Tradition der „Basler Chemiewerke“, die auf viele Betroffene lähmend wirkte. Dem kämpferischen Teil hingegen war schon an der eiligst einberufenen Sitzung des Kampfkomitees am Tag der Entlassungen klar, dass dies nicht einfach so hingenommen wird, wenn auch hier der Schock spürbar war. Schliesslich soll es vor allem die Produktion und die ihr angegliederten Bereiche treffen, also die Leute aus dem Kampfkomitee, die dem Gesamtarbeitsvertrag unterstehen, in der Gewerkschaft organisiert sind und von der Betriebskommission vertreten werden.

Die „Solidarität“ der Angestellten-Vereinigung
Eine Eigenheit der Chemiebranche ist die Aufspaltung der Belegschaftsvertretungen. So werden die Angestellten in einer separaten Kommission, der Angestellten-Vereinigung, vertreten. Sie unterstehen nicht dem GAV, sondern einem Einzelarbeitsvertrag, und sie sind von der aktuellen Abbauwelle vorerst wenig bis gar nicht betroffen. Dass Gert Ruder, Präsident der Angestellten-Vereinigung, sich bei Kritik der Betriebskommission und der Gewerkschaft an den Clariant-Managern Mal für Mal für seine Chefs einsetzt, ist daher nicht weiter erstaunlich. Nicht zuletzt werden solche Präsidenten mit einer Reihe von Privilegien abgespeist und ruhiggestellt. 
Anders gestaltet sich die Situation für Jörg Studer, Präsident der Betriebskommission, Mitglied des Kampfkomitees und der Unia. Er wird an Versammlungen durchaus auch persönlich von Kottmann angegriffen – dies natürlich nicht grundlos, und insofern bezeichnend für den Grad der Auseinandersetzung. Immerhin bewirkte etwa eine lange Kampagne im Mai 2009 die Verhinderung der Entlassung eines Vertrauensmannes. „Man muss kämpfen. Ein bisschen Sozialplan verhandeln reicht schon lange nicht mehr“ ist ein Zitat aus einem Interview in Aufbau 60.

Die Gewerkschaft als Klotz am Bein
Dass ein gewichtiger Teil der direkt von den Entlassungen Betroffenen zu kämpfen bereit ist, hat der Protesttag vom 11. März gezeigt. Unterstützung zeigten die ebenfalls kämpfenden KollegInnen aus Hüningen (F). Eindrückliche Interviews, die an diesem Tag mit Arbeitern gemacht wurden, können auf der Aufbau-Hompage nachgelesen werden. In diesen Interviews und auch sonst wird mit Wut über die Clariant Bosse nicht zurückgehalten.
Eine andere Strategie scheint hingegen die Unia zu haben. Schon in der Vorbereitung waren im Kampfkomitee Differenzen zwischen der Unia-Leitung auf der einen und der Betriebskommission, den Beschäftigten und dem Solikomitee auf der anderen Seite nicht zu übersehen. Von Beginn weg verlief die Bruchlinie um die Position zum Kahlschlag. So hat sich die Unia per Dekret geweigert, die nächstliegende und mehrheitlich favorisierte Parole: „Stopp dem Stellenabbau bei Clariant!“ zu übernehmen. Nicht nur mit ihrer Parole: „Wir kämpfen für Arbeitsplätze“ hat die Unia klar gemacht, dass sie keine Front gegen den Entscheid der Bosse aufbauen will. Man kommt um die Interpretation nicht herum, dass hierbei der Fokus auf die vermutlich irgendwo auch nach dem Stellenabbau vorhandenen Arbeitsplätze gelegt wird. Wichtig ist aber eine Front, gegen innen an die Unentschlossenen und gegen aussen an die Kapitalisten. Dass dies kein Detail ist, zeigen die weiteren Ereignisse. So kommt es bei konkreten Punkten immer wieder zum Widerspruch. Die Unia-Leitung scheut sich z.B. normalerweise nicht, das von der Konzernleitung nicht eingehaltene Konsultationsverfahren juristisch anzufechten. Bei Clariant hingegen akzeptiert sie das Vorgehen der Bosse. Die Hoffnung scheint zu sein, dass die Belegschaft den Stellenabbau grundsätzlich akzeptiert und dass nach Ablauf der Frist am 30. April Ruhe einkehrt. Insbesondere, weil das Kampfkomitee nicht kontrollierbar ist und deshalb lahmgelegt werden soll. Dass mit einer juristischen Abklärung wenig gewonnen wird, ist auch der Betriebskommission klar. Für den Widerstand ist aber wichtig, Zeit zu gewinnen, um einen Kern für eine „Bewegung“ aufzubauen, woran alle Beteiligten arbeiten müssen. Schliesslich werden die ersten Entlassungen  „erst“ in ein bis zwei Jahren ausgesprochen und bis dahin ist gemäss den Worten Kottmanns noch ein weiterer Kahlschlag zu befürchten. Das Beispiel Clariant zeigt, dass Belegschaften sich genügend von einer unkämpferischen gewerkschaftlichen Tradition emanzipieren und Vertreter dieser Tradition in bestimmten Punkten auf die Plätze verweisen sollten. Sonst bleibt das verteilte Unia-Feuerzeug an der letzten Betriebsversammlung das einzig Zündende!

 

(Vorabdruck aus dem Schwerpunkt "Gewerkschaften" der aufbau-Nummer 61: hier als PDF)

 
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