Heute vor 70 Jahren wurde die Antifaschistin und Kommunistin Liselotte Herrmann in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Eine Biographie von ihr gibt es bis heute nicht.

Christina Fischer / Junge Welt 20.6.08 


»Seht, ihr des Vaterlandes Bürger, Den letzten Weg gehn mich«
(Antigone)

Am 4. September 1937 berichtete ein anonymer Autor auf der Titelseite der Pariser Tageszeitung, einer deutschsprachigen Exilzeitung: »Aus dem Untersuchungsgefängnis in Stuttgart erreichte uns ein kleiner zerknitterter Kassiber, den wir aus der Ecke einer mit Staub und Wollklümpchen verunreinigten Jackett-Tasche eines aus der Haft Entlassenen als winziges Papierkügelchen herausholten. Vorsichtig entrollten wir es, glätteten es und lasen die kaum noch entzifferbaren, ganz dünn mit Bleistift geschriebenen Worte: ›Lilo Hermann – Hochverrat zu Tode – Begnadigung ist Fabel – hat klein Kind – soll man Welt mitteilen – tut alles – höchste Gefahr.‹« (Schreibfehler im Original).

Als der Artikel erschien, lief bereits die wahrscheinlich größte Solidaritätskampagne, die bis dahin je für eine Frau in Gang gesetzt worden war. In einem Bericht der Gestapo an den Reichsminister für Justiz vom März 1938 hieß es dann: »Die Protestschreiben häufen sich seit Monaten zu Bergen. Delegationen belästigen Behörden und Parteidienststellen, um nach Rückkehr in das Heimatland verlogene Berichte zu veröffentlichen.« Eine bis dahin völlig unbekannte Frau war zum Symbol des Widerstands gegen den Faschismus geworden.

Mehr als zehn Jahre später wurden überall in der DDR Straßen, Kindergärten und Schulen nach ihr benannt. Der Schriftsteller Friedrich Wolf widmete ihr ein 1950 veröffentlichtes »Biographisches Poem«, das 1953/54 von Paul Dessau vertont wurde. Stephan Hermlin nahm sie in das Bändchen »Die erste Reihe« (1951) auf, das in mehreren Auflagen erschien und von der DEFA verfilmt wurde. Der damalige Präsident des Kulturbundes der DDR, Max Burghardt, setzte seiner einstigen Mitkämpferin mit dem Buch »Briefe, die nie geschrieben wurden« (1966) ein Denkmal.

Umso unglaublicher erscheint es, daß es heute weder eine Biographie der Widerstandskämpferin noch eine Zusammenstellung der von ihr und über sie erhaltenen Dokumente gibt, und daß viele Details ihres Lebens jahrzehntelang im Dunkeln bleiben mußten bzw. bis heute nicht geklärt werden konnten.

Die Schriftstellerin Ditte Clemens, damals Mathematikdozentin an der Pädagogischen Hochschule »Liselotte Herrmann« im mecklenburgischen Güstrow, sah sich Ende der 80er Jahre bei ihren Recherchen, unter anderem im Berliner Institut für Marxismus-Leninismus, aber auch bei Gesprächen mit Zeitzeugen mit ungeahnten Schwierigkeiten konfrontiert.

Eigenwilliges Mädchen
Liselotte Herrmann wurde am 23. Juni 1909 in Berlin als Tochter eines Ingenieurs und dessen nicht berufstätiger Ehefrau geboren. Zum Erstaunen ihrer unpolitischen Eltern begann sich das intelligente und begabte Mädchen schon früh zu engagieren. An der Viktoria-Luise-Schule in Berlin-Wilmersdorf wurde sie Mitglied im Sozialistischen Schülerbund, später im Kommunistischen Jugendverband und in der KPD. Ein Zeitzeuge erinnerte sich: »Lilo war unauffällig, schweigsam und zurückhaltend, dabei aber konsequent. Ihr Prinzip war es, gegen Ungerechtigkeiten vorzugehen, und sie war eine große Idealistin.«

Zugleich war sie emanzipiert. In ihrem Abituraufsatz schrieb sie über Friedrich Hebbels Drama »Herodes und Mariamne«: »Das Hauptproblem ist der Kampf um die Anerkennung und Achtung des Menschen und im besonderen der Frau und ihrer Erhebung vom Ding zum Menschen.« Nach dem Schulabschluß studierte sie erst einige Semester Chemie in Stuttgart, dann Biologie in Berlin. Im Oktober 1933 wurde sie zusammen mit über 100 Kommilitoninnen und Kommilitonen aus politischen Gründen von der Friedrich-Wilhelm-Universität relegiert. In dieser schwierigen Zeit entschloß sich die eigenwillige junge Frau, ein Kind zu bekommen. Im Mai 1934 kam ihr Sohn Walter zur Welt. Da war sein Vater, der kommunistische Jugendfunktionär Fritz Rau, schon im Gefängnis Moabit von den Nazis umgebracht worden.

Lilo übersiedelte mit dem Baby zu ihren Eltern nach Stuttgart und knüpfte Kontakt zur illegalen KPD. Sie wurde Mitarbeiterin des Bezirksleiters der Partei in Württemberg, Stefan Lovász. Ihre Gruppe sammelte Informationen über die Kriegsvorbereitungen der deutschen Faschisten, beispielsweise über den Bau von Kampfflugzeugen bei Dornier und über Rüstungsaufträge bei Bosch, und übermittelten sie über den Nachrichtenapparat der KPD ins Ausland.

Im Juni 1935 wurde Lovász von einem Spitzel verraten und von der Gestapo verhaftet. Lilo Herrmann verzichtete darauf, sich in Sicherheit zu bringen, und setzte die antifaschistische Arbeit fort. Im Dezember klingelte die Gestapo auch bei ihr. Man fand den Lageplan einer unterirdischen Munitionsanstalt in Scheuen bei Celle. In den Verhören durch den zynischen Stuttgarter Kriminalbeamten Gottfried Mauch bewies die 26jährige ungewöhnliche Stärke. Anders als viele ihrer Genossen weigerte sie sich, Namen zu nennen, gab nur zu, was der Gestapo bereits bekannt war, und zeigte keine Reue. Einmal wurde sie danach gefragt, warum sie sich der KPD angeschlossen habe. »Wenn ich über das mir bekannte Ziel des Kommunismus befragt werde, dann kann ich dies in einem Satz ausdrücken, und der heißt: das größte Glück der größten Menge ...«, antwortete sie. Ende März 1936 erklärte sie dann kategorisch: »Weitere Aussagen möchte ich überhaupt nicht mehr machen«. Versuche, sie mit der Aussicht auf Begnadigung oder mit dem Schicksal ihres Kindes zu erpressen, liefen ins Leere, obwohl sie sehr unter der Trennung von ihrem Sohn litt. Im ungleichen Duell mit ihren Peinigern blieb sie die moralische Siegerin, wie Antigone in der antiken Tragödie. Und mußte wie diese mit dem Leben bezahlen.

Gnadenlose Rache
Das Todesurteil wegen »Landesverrats und Vorbereitung zum Hochverrat« gegen sie und ihre Genossen erging am 12. Juni 1937. Trotz Geheimhaltung erschien ein Bericht darüber bereits am 1. Juli in der Baseler Rundschau über Wirtschaft, Politik und Arbeiterbewegung. Den Kommunisten gelang es, neben der Roten Hilfe Persönlichkeiten, Gewerkschaften und Organisationen in der ganzen Welt zu mobilisieren. Bemerkenswert ist der hohe Anteil von Frauenrechtlerinnen, die sich an der Kampagne beteiligten.

Ungeachtet der internationalen Proteste wurden Lilo Herrmann und ihre Genossen Lovász, Steidle und Göritz am 20. Juni 1938 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Im Nachruf des ZK der KPD hieß es, »daß zum ersten Mal eine deutsche Frau wegen antifaschistischer Gesinnung und wegen ihres mutigen Kampfes für die Erhaltung des Friedens enthauptet wurde«. Auch die New York Times berichtete über die Hinrichtungen und räumte ein, die vier seien hauptsächlich wegen ihrer kommunistischen Aktivitäten zum Tode verurteilt worden. Anders als Sophie und Hans Scholl hat Lilo Herrmann kein Grab. Die Körper der in Plötzensee Ermordeten wurden dem Anatomischen Institut der Berliner Charité unter Prof. Hermann Stieve für Forschungszwecke überlassen.

Nur wenige Publikationen
In der DDR hat sich vor allem der Historiker Karl Heinz Jahnke mit Lilo Herrmann befaßt. Im Raum Stuttgart, wo ihre Ehrung – wie in der übrigen Bundesrepublik – lange unerwünscht bzw. unmöglich war, erforscht der Übersetzer Lothar Letsche seit den 70er Jahren das Leben der Antifaschistin. 1989 erschien anläßlich der Auseinandersetzung um den Gedenkstein vor der Stuttgarter Universität eine von ihm mitherausgebene informative Broschüre der VVN-BdA Baden-Württemberg, die 1993 überarbeitet wurde. Die Studentin Karin Algasinger stellte 1991 in Passau eine umfangreiche Magisterarbeit über Lilo Herrmann fertig. 1993 veröffentlichte Ditte Clemens im Ravensburger Buchverlag ihre dokumentarische Erzählung mit dem Titel »Schweigen über Lilo«, in der sie viele neue Fakten präsentierte, aber auch ihren Emotionen, ihrer Enttäuschung über die DDR Luft machte. Es ist die einzige Publikation über die Stuttgarter Heldin, die heute erhältlich ist.

Das Buch »Schweigen über Lilo« wird derzeit vom MV-Taschenbuchverlag im Internet zum Download angeboten: www.mv-taschenbuch.de/Lilo03.pdf

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