Die Digitalisierung scheint die ganze Welt zu beschäftigen, viele sehen in ihr die Chance unserer Zeit und reden von der vierten industriellen Revolution. Wir analysieren sie aus einer marxistischen Position.

(agj) Wenn wir mit dem Computer arbeiten, geht alles schneller. Wir können komplizierte Sachen berechnen und die digitalen Werkzeuge lassen die menschliche Arbeitskraft ins schier Unermessliche steigen. Das gilt nicht nur für die Berufe im Büro oder im Labor, sondern auch für Handfestes wie den Bau: In Amsterdam soll im März 2018 eine neue Brücke fertig ausgedruckt sein. Die Computer haben den Menschen bei diesem Projekt ersetzt: Die Rechenleistung für die Konstruktion kam aus dem 3D Programm und ein Roboter hat die Brücke ausgedruckt. Kein Eisenleger musste arbeiten. Die digitale Welt beeinflusst die reale Welt, die Ideen formen und verändern die Materie. Wenn das so weitergeht, dann übernehmen die Computer bald die Weltherrschaft.

Tatsächlich haben aber natürlich Menschen das Erz für das Metall aus dem Boden geholt, mit welchem die Brücke letztlich gedruckt wird. Das 3D Programm wurde von Menschen geschrieben und die Computer tauchten nicht einfach so auf, sondern wurden genauso entwickelt und gebaut. Bloss auf dem Fluss in Amsterdam steht einfach ein Roboter und kein Mensch, dieses Spektakel ist gross, aber die menschliche Arbeit, die dahintersteckt, ist es auch.

Laptops sind wie Webstühle

Vergleichen wir diesen Roboter mit der Druckerpresse: Als der allererste Text aus der Druckerpresse kam, konnte man den Prozess des Schreibens nicht mehr so nachvollziehen wie zuvor, als Texte mühselig von Hand abgeschrieben wurden. Die Druckerpresse bewirkte nicht nur eine stärkere Entfremdung von der Arbeit, sondern ermöglichte zudem eine viel schnellere Produktion von Büchern. Mit der Digitalisierung verhält es sich ähnlich. Ökonomisch betrachtet widerspiegelt sie grob gesagt eine Entwicklung in der Produktivkraftentwicklung. Darum wird sie vielfach die vierte industrielle Revolution genannt. Die Bourgeoisie erhofft sich von ihr einen ähnlichen Schub in der Produktivkraftentwicklung wie damals bei der Erfindung der Dampfmaschine, die ein wesentlicher Bestandteil der ersten industriellen Revolution war. Die menschliche Arbeit verändert sich als Folge dieser Entwicklung und wird insgesamt wohl eher weniger werden. Das ist leider nicht gut für uns, denn die Arbeit, die übrigbleibt, wird uns anteilsmässig weniger vergütet werden.

Das ist längst nicht alles: Vor der ersten industriellen Revolution wurde Stoff am Webstuhl oftmals zuhause gewoben. Dann kamen die grossen Fabriken und lösten diese Heimarbeit ab. In diesen Fabriken waren die Arbeitsbedingungen anfangs sehr schlecht, aber die Menschen kamen zugleich an einem Ort zusammen und konnten sich austauschen. Die Paläste der Kapitalisten lagen manchmal einen Steinwurf weit von den Hütten der ArbeiterInnen entfernt. Diese Konzentration war ein günstiger objektiver Faktor für die Entwicklung von subjektivem Bewusstsein. Der Kampf der ArbeiterInnenklasse veränderte die Gesellschaft und Errungenschaften, die wir heute noch spüren, wurden erkämpft. Doch mit der Digitalisierung kommt die Heimarbeit zurück: Dadurch, dass das Internet allgegenwärtig ist und die Laptops ortsungebunden sind, wird es auch die Arbeit an ihnen. Immer öfter heisst es angesichts des steigenden Angebots von monotoner Arbeit in Form von Clickwork, bei dem (noch) nicht automatisierbare Arbeit kleinstteilig und zu einem Dreckslohn am Computer zu erledigen ist: «Jeder kann Clickworker werden und gleichzeitig drei Kinder aufziehen. Es steht auf der Webseite, dass man nur lesen und schreiben können muss sowie eine Internetverbindung braucht. Das ist ja wie Whatsapp. Und das geht sogar während dem Stillen.» Es braucht jedoch nicht viel mehr als Menschenverstand, um einzusehen, dass ein Zusammenfliessen von Leben und derartiger Arbeit kein lebensbejahender Umstand ist.

Der rote Stern – Mehr als ein Logo

Nun wäre es ein leichtes, einfach zu sagen, dass dies alles Eigenschaften des Kapitalismus sind und in einer sozialistischen Gesellschaft die Technologien für alle statt für wenige eingesetzt würden. Schliesslich war es eine zentrale Aussage von Marx, dass der Kapitalismus ein wichtiger Schritt auf dem Weg in Richtung Sozialismus sei, weil dieser die Produktivkraft entwickle: «Andrerseits, wenn wir nicht in der Gesellschaft, wie sie ist, die materiellen Produktionsbedingungen und ihnen entsprechenden Verkehrsverhältnisse für eine klassenlose Gesellschaft verhüllt vorfänden, wären alle Sprengversuche Donquichoterie» (Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie). Das heisst aber nicht, dass nach der Übernahme der Produktionsmittel die Revolution schon beendet wäre.  Lenin schrieb im Rückblick auf die Oktoberrevolution, dass es «[...] 1917 leicht war, die sozialistische Revolution zu beginnen, während es für Russland schwerer [...] sein wird, sie fortzusetzen und zu Ende zu führen» (Der «Linke Radikalismus» als Kinderkrankheit im Kommunismus). Er stellt damit fest, dass die Inbesitznahme der Produktionsmittel nicht das Ende der Revolution ist, sondern erst der Anfang.

In den Werken von Marx und Engels wird ganz sorgfältig das kapitalistische Wirtschaftssystem analysiert. Wenn wir diese Analyse lesen, erkennen wir den heute noch geltenden Grundwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit. Es ist enorm wichtig, dass die Bourgeoisie die Produktionsmittel besitzt und die ArbeiterInnenklasse eben nicht. Aber als Revolutionäre dürfen wir nicht die Revolution darauf beschränken. Es ist wichtig zu sehen, dass jede Idee den Stempel einer Klasse trägt. Und jede Entwicklung, auch wenn sie augenscheinlich nur technischer Natur ist, steht im Kontext der Gesellschaft, aus der sie kommt. So gesehen finden heute viele Entwicklungen unter kapitalistischen Vorzeichen statt und widerspiegeln oder reproduzieren entsprechend eine kapitalistische Logik. Andere Entwicklungen wären ohne Kapitalismus wohl gänzlich undenkbar und hätten keinerlei Existenzberechtigung.

Eine Armee mit Zwangsrekrutierung und bürgerlichen Führungsstrukturen wird schliesslich nicht zu einer kommunistischen Armee, sobald sie unter einer roten Fahne marschiert. Sie bleibt eine bürgerliche Armee, die unter einer roten Fahne marschiert. Eine Volksbefreiungsarmee ist von Grund auf anders organisiert. Genauso verhält es sich mit der Wirtschaft: Die Wirtschaft, die sich im Kapitalismus entwickelt hat, kann nicht einfach übernommen werden und ist dann von heute auf morgen sozialistisch. Es ist die mühsame Aufgabe des Sozialismus als Übergangsetappe zwischen Kapitalismus und Kommunismus, den Prozess der gesellschaftlichen Aneignung umzuwälzen. Die alten Produktionsverhältnisse müssen zerstört und neue errichtet werden. Nur so kann es einen Übergang von einer kapitalistischen zu einer kommunistischen Wirtschaft geben.

Marx lesen statt Angst haben

Nach diesen grundsätzlichen Überlegungen soll jetzt das Phänomen der Digitalisierung mit besonderem Augenmerk auf die Schweiz betrachtet werden. Es scheint so, dass die Schweiz nicht sonderlich digitalisierungsfreundlich ist. Die nationale Wirtschaft besteht zu einem grossen Teil aus eher kleineren kleinbürgerlichen Firmen, die den neuen Technologien tendenziell eher misstrauisch gegenüberstehen. Dazu kommen staatliche Datenschutzrichtlinien sowie eine gewisse Skepsis der Bevölkerung. Diese ist zwar limitiert (man denke an die weitverbreitete Nutzung von sozialen Medien und dergleichen), aber manifestiert sich immer wieder. Beispielshaft dafür ist der personalisierte Swisspass der SBB, der vor rund drei Jahren eingeführt wurde und mit dem seither personenbezogene Kontrolldaten gesammelt werden. Die Skepsis gegenüber diesem Produkt führte nun dazu, dass die Bundesbahnen aufgrund der vielen Kundenbeschwerden an einer anonymen Version des Passes arbeiten.

Dem gegenüber stehen die Grosskonzerne, allesamt unter Zugzwang der globalisierten Marktwirtschaft. Ihre Lakaien sitzen in den Exekutivämtern im Bundeshaus und sie wollen die Digitalisierung in der Schweiz vorantreiben. An vorderster Front steht Marc Walder, CEO der Ringier AG: Kaum aus den USA zurück, initiierte er 2015 das Projekt «Digital Zurich 2025». Klar ist, er meint es ernst: SpitzenvertreterInnen aus Politik und Wirtschaft treiben mit ihm das Projekt voran. In den Folgejahren wird das Projekt in «Digital Switzerland» umbenannt. Es veranstaltet 2017 neben dem «World Web Forum» auch den ersten «Digitaltag Schweiz». Dieser steht – wie sie stolz auf ihrer Homepage berichten – unter dem Patronat der Bundespräsidentin Doris Leuthard. Offensiv kommunizieren sie via der Ringier-eigenen Tageszeitung Blick, wieso: Ziel sei es, den Menschen die Angst vor der Digitalisierung zu nehmen. Man möchte aufzeigen, wie Gesellschaft, Wirtschaft und Privatleben durch die neuen technologischen Errungenschaften zum Guten verändert werden. Angesichts der vorhergehenden Überlegungen ist das Unbehagen der Leute gegenüber diesen Entwicklungen jedoch sehr wohl berechtigt, auch wenn es sich zu selten politisch artikuliert.

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