Als Antwort auf das Erstarken der Rechten und Angriffe auf das Abtreibungsrecht kommt wieder mehr Bewegung in den Frauenkampf. Die Forderung nach Selbstbestimmung ist in diesem Kontext zentral. Unter demselben Label werden uns aber auch die neuen Techniken der Reproduktionsmedizin verkauft. Höchste Zeit, den Begriff der Selbstbestimmung gegen kapitalistische Vereinnahmung zu verteidigen.

(fk) Gegen patriarchale Strukturen zu kämpfen bedeutet, für Entscheidungsfreiheit und Unabhängigkeit von Frauen einzustehen. Zum Beispiel im Kampf für das Recht auf Abtreibung – auch in Zürich, wo 2014 ein riesiges Transparent mit «My Body, My Choice»  über der Kalkbreite-Genossenschaft flatterte. Damit wurde gegen den (M)arsch fürs Läbe mobilisiert. In der Schweiz konnten christliche FundamentalistInnen dank starken Gegenmobilisierungen in den letzten Jahren von der Strasse vertrieben werden. 2017 riefen die OrganisatorInnen statt einem Marsch zu individuellem Beten zu Hause auf. Das ist ein wichtiger Sieg für unsere Seite angesichts der aktuell zunehmenden Angriffe auf das Abtreibungsrecht. Beispielsweise in Polen, wo letztes Jahr beinahe ein umfassendes Abtreibungsverbot erlassen wurde. Nur durch massiven Protest auf der Strasse konnte dies verhindert werden. In Italien steigt der Anteil an ÄrztInnen, welche aus «Gewissensgründen» keine Abtreibungen vornehmen, immer mehr an, obwohl sie seit 1981 legal sind. Dies sind Indizien für das sich verschärfende gesellschaftliche Klima und führt zu einem steigenden moralischen und ökonomischen Druck auf betroffene Frauen. Laut der WHO werden fast die Hälfte der Abtreibungen, also 25,5 Mio. jährlich, in unsicheren Verhältnissen durchgeführt. Diese Entwicklungen sind Ausdruck wieder zunehmender patriarchaler Herrschaftsverhältnisse. Den Frauen wird die Entscheidungsgewalt über ihren Körper und ihr Leben genommen. Dagegen gilt es immer wieder unsere Selbstbestimmung zu verteidigen und einzufordern.

Das liberale Märchen der Wahlfreiheit
Das Spannungsfeld, in dem der Begriff Selbstbestimmung steht, ist aber breit und er wird auch gerne von bürgerlicher Seite benutzt. Dort dreht es sich vor allem um ein selbstbewusstes Konsumverhalten. Ein überdimensionales Beispiel dafür war eine Werbekampagne der breast Klinik am Hauptbahnhof Zürich. Mit dem Spruch «Meine Dinger, mein Ding», wurde die Brustvergrösserung als autonome Entscheidung starker Frauen für ein gutes Körpergefühl beworben.

Auch die neuen Möglichkeiten, die sich in der Reproduktionsmedizin bieten, tragen das Versprechen nach mehr Selbstbestimmung in sich. Beispielsweise gibt es die Möglichkeit, Eizellen einfrieren zu lassen, damit sich die Frau erst einmal auf ihre Karriere konzentrieren und das Kinderkriegen auf später verschieben kann. Treffenderweise nennt sich dieses Verfahren Social freezing. Leihmutterschaft und In-Vitro-Fertilisation sind weitere Beispiele für neue Arten der biologischen Reproduktion. Das Verkaufsargument ist überall dasselbe: Die Wahlmöglichkeiten und die Palette an Lebensentwürfen für Frauen wird erweitert und ihre Selbstbestimmung so gestärkt.

Konsumfreiheit versus Selbstbestimmung
Dem Freiheitsversprechen des Marktes, wonach sich JedeR frei selbstverwirklichen kann, stehen die realen Lebensumstände gegenüber. Es herrschen Zeiten des Sozialabbaus und der zunehmenden Flexibilisierung unserer Arbeits- und Lebensumstände. Vom Sozialabbau sind Frauen doppelt betroffen. Erstens fällt dadurch mehr Gratisarbeit an und zweites sind es grösstenteils Frauen, welche im wachsenden Care-Sektor zu miesen Löhnen arbeiten.

Der Begriff Selbstbestimmung kann gut für die kapitalistische Mär vom autonomen Subjekt missbraucht werden. Dies hat verheerende Auswirkungen auf die Lebensrealität von proletarischen Frauen. Die freie Entscheidung, welche losgelöst von gesellschaftlichen Erwartungen und Rollenbildern getroffen wird, gibt es schlicht nicht. Dies noch weniger, je weniger ökonomische oder gesellschaftliche Ressourcen jemandem zukommen. Es ist allem voran eine Frage der Klassenzugehörigkeit, wie breit die jeweiligen Möglichkeiten zur Bestimmung der Lebensentwürfe sind.

Zweitens gilt heute mehr denn je, dass die Konsequenzen von vermeintlich individuell getroffenen Entscheidungen schliesslich jedeR auch individuell auszubaden hat. Die einst frauenkämpferische Forderung nach Selbstbestimmung wird modifiziert in die kapitalistische Funktionsweise eingegliedert. Eigenverantwortung ist dementsprechend die andere Seite der Medaille. Hast du dich dafür entschieden Mutter zu werden? Gut, dann bist du auch alleine dafür verantwortlich, alles perfekt auf die Reihe zu kriegen. Egal wie vereinzelt und prekär sich dieses Muttersein in den bestehenden gesellschaftlichen Strukturen herausstellt.

In einer Gesellschaft, in welcher Vereinzelung System hat, wirkt diese Eigenverantwortung disziplinierend. Herrschaft muss nicht mehr durch äusseren Zwang durchgesetzt werden, sondern wird immer stärker verinnerlicht. Die Angst vor den Konsequenzen unangemessenen Verhaltens ist allgegenwärtig. Du magst nicht jeden Morgen früher aufstehen, damit du dich noch schön schminken kannst? Gut, dann muss es dir auch egal sein, als ungepflegt zu gelten. Du hast keine Zeit deinen Kindern ein ausgewogenes Abendessen zu kochen? Dann bist du eine verantwortungslose Mutter, die sich nicht um die Gesundheit ihrer Kinder kümmert.

Die Hypermedialisierung unserer Gesellschaft wirkt hier noch verstärkend. Ständig sind wir im Fernsehen, auf Werbeplakaten oder in den sozialen Medien mit dem Bild der perfekten Frau konfrontiert. Sowohl in Bezug auf Körper oder Tugenden, ständig wird uns vorgeführt, wie wir eigentlich zu sein hätten.

Unterworfen aber kämpfend zugleich
Die zunehmende Verinnerlichung gesellschaftlicher Normen konfrontiert uns kämpfende Frauen mit einem Widerspruch. Um uns dem herrschenden System entgegen zu setzten, benötigen wir Bewusstsein und Selbstbestimmung. Wir versuchen, in unserer Praxis mit dem Bestehenden zu brechen und eine Perspektive zu entwickeln. Zugleich sind wir Teil der Gesellschaft und als solcher auch Ausdruck von ihr. Auch wir haben Ansprüche an unseren Körper, Erwartungen an uns als gute Mutter, Freundin oder Tochter. Diese entsprechen teilweise gesellschaftlichen Normen. Wenn wir versuchen, diesen Ansprüchen gerecht zu werden, bedeutet dies nicht die absolute Unterwerfung oder dass wir als Einzelne zu wenig stark und widerständig sind. Sondern, dass wir uns auf einem Weg befinden, aus dem Alten das Neue zu entwickeln. Dieses Neue steht nicht am Anfang des Prozesses, sondern ist das Ziel. Es ist wichtig, sich als Teil der Gesellschaft zu verstehen, um Teil ihrer Veränderung sein zu können. Es ist illusorisch zu meinen, wir könnten uns einfach vom Bestehenden abkapseln um ein widerspruchfreies Paradies zu schaffen. Unsere politische Praxis hat den Anspruch, eine Perspektive für Alle und nicht nur eine Oase für Wenige zu erkämpfen. Sich zu organisieren und solidarisch den Rücken zu halten sind dabei die Mittel, um gegen die individuelle Unterwerfung anzukämpfen.

Selbstbestimmung ist und bleibt unser Kampfbegriff, ob angesichts reaktionärer Angriffe oder für eine Perspektive jenseits von Ausbeutung und Unterdrückung. Im Kontext eines proletarischen Frauenbewusstseins kann er revolutionäres Potential entwickeln. Das bedeutet, ihn gegen das Versprechen von formeller Freiheit im Kapitalismus abzugrenzen und für reale Selbstbestimmung zu kämpfen. Diese haben wir dort, wo wir kollektiv die Umstände gestalten, unter denen wir unsere individuellen Entscheidungen treffen.

aus: aufbau 92

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