Aktuell hetzt die Frauenzentrale für ein Verbot der Sexarbeit. In den Diskussionen zum Thema wird diese als «unmenschlich» und «hinterwäldnerisch» angeprangert. Anhand der Geschichte der Langstrasse wird gezeigt, mit welchen Argumenten die Forderung nach einem solchen Verbot befeuert wurde und wie sich darin die aktuelle Debatte einordnen lässt.

Bereits in den 1980er-Jahren kam es zu einer Konfrontation um urbanen Raum im Quartier Aussersihl. Ab 1980 erfuhr nicht nur die Sexarbeit ein Wachstum,  sondern weitere Orte sexueller Dienstleistungen durchlebten eine neue Reichweite. Nebst den Frauen auf der Strasse waren es Sexkinos, Sexshops und Massagesalons, welche sich anhäuften und das sexuelle Angebot verdichteten. Gleichzeitig nahm die Anzahl freizügiger, anreizender Bilder in allerlei Medien zu. Man störte sich an der zunehmenden Präsenz von Sex im öffentlichen Raum: Es war die Rede von einer «Versexung Zürichs». Diese betraf nicht nur das Gebiet rund um die Langstrasse, sondern beispielsweise auch das Niederdorf. Die Offensichtlichkeit der sexuellen Dienstleistungen, also die entblössten Frauenkörper als Teil des Stadtraumes störte einige. Unter der Prämisse des Jugendschutzes und dem Erhalt der öffentlichen Ordnung gab es hitzige Debatten über die Eindämmung des Sexbusiness. So wurden phasenweise die vielen Poster und Werbetafeln verboten, welche auf Kino- oder Massageeinrichtungen hinwiesen. Auch die Verbreitung von Heftchen mit pornographischen Inhalten stand zur Debatte. Organe wie der Sexanzeiger, welche Inserate für sexuelle Dienstleistungen gesammelt präsentierte, wurden zeitweise verboten.

Doch die Auseinandersetzung um die «Versexung» schien nicht alleinig eine Frage der Moral und der Gemüter. Die damals herrschende Wohnungsnot im gesamten Stadtgebiet, auf welche Betroffene mit einer Vielzahl von Demos und unzähligen Häuserbesetzungen antworteten, fiel mit einer verstärkten Ausbreitung des Sexgewerbes zusammen. Wohnraum war rar und wurde durch die zahlreichen Massagesalons und ähnlichen Einrichtungen, in denen käuflicher Sex angeboten wurde, weiter verknappt. Die Immobilienbesitzer rund um die Langstrasse waren für diese Verknappung von Wohnraum nicht unschuldig. Sie waren es, welche aus ihren Liegenschaften enorm hohe Profite schlugen, indem sie die BewohnerInnen mit den BetreiberInnen von Sexarbeit tauschten. Sie machten sich die hohe Konkurrenzsituation, welche unter den Sexarbeiter*innen und den Zuhältern rund um die Langstrasse herrschte zu Nutze und liessen die Mietpreise in die Höhe treiben. Für die ursprünglichen Bewohnern und BewohnerInnen der Langstrasse und der umliegenden Gegenden war dies ein grosses, existenzbedrohendes Problem: Sie wanderten ab.

Schmutz, Ghetto, Fremde
Das Quartier veränderte sich. Währenddem man sich in den 1970er-Jahren noch vor den Auswirkungen des Sexgewerbes fürchtete und sich über fehlende Sicherheit und Sauberkeit im Quartier beschwerte, schien ein Jahrzehnt später das Angebot der sexuellen Dienstleistungen die Wohnbevölkerung zu verdrängen. Dies blieb nicht unbeantwortet. In verschiedensten Quartiergruppen und mit dem Mieterverband Zürich fanden die BewohnerInnen rund um die Langstrasse ein Sprachrohr, um die Stadtregierung aufzufordern, etwas gegen die Wohnungsnot und das sich ausdehnende Sexgewerbe zu unternehmen. Beispielsweise zeigten QuartierbewohnerInnen der Häuser rund um die Langstrasse im Februar 1984 über hundert BesitzerInnen von Liegenschaften an, welche ihre Immobilien an sexuelle DienstleisterInnen vermieteten. So sind die Jahre 1983 und 1984 nicht nur als Höhepunkt in der Geschichte der Problematisierung des bezahlten Sex in Zürich zu sehen, sondern ebenso als Höhepunkt der Bekämpfung dieser. Die Missstimmung in der Bevölkerung, die unzähligen Besetzungen und die Überpräsenz von nackten Frauenkörpern motivierte die Zürcher Stadtregierung zu heftigen Interventionen. Mitte der 80er-Jahren folgte rund um die Langstrasse Razzia auf Razzia: Sexetablissements wie die Massagesalons wurden dicht gemacht, Sexkinos geschlossen und das Material von Sexläden konfisziert. Es griff die «Entsexung Zürichs» um sich, wie in damaligen Medienberichten, besonders im Blick, die verschärfte Repression gegen die Sexarbeit genannt wurde.

Die «Entsexung» von Zürich schien ein Erfolg zu sein. Wie man den Medienberichten zu jener Zeit entnehmen kann, beruhigte sich Ende der 80er-Jahre die Situation an der Langstrasse ein wenig. Dabei war es vor allem die Sexarbeit im öffentlichen Raum, welche rund um die Langstrasse einen Rückgang erfuhr. Diese orientierte sich weiter, in Richtung offene Drogenszene rund um den Hauptbahnhof. Dort fanden die Frauen neue Kunden und ihre Hintermänner neue Arten zur Geldbeschaffung. Doch die ruhigeren Zeiten rund um die Langstrasse hielten nicht lange. Um 1994 wurde die Sexarbeit im Kreis 4 medial wieder ein heisses Thema. Den damaligen Medienberichten zufolge hatte die Quartierbevölkerung Angst vor einer «Verslumung» ihrer Wohngebiete. Die Langstrasse galt als unsicher, als Zentrum des Kriminellen und als verschmutzt. Sie sei die Abfallhalde der Stadt, wo die Stadtregierung all dies deponiere, was sonst im Stadtraum störe. Die Angst vor einer «Ghettoisierung» ging mit der Befürchtung einher, das Gebiet rund um die Langstrasse entwickle den Charakter einer Grossstadt, in welcher sich die BewohnerInnen im Anonymen bewegen. In den Köpfen zeichnete sich die Bedrohung, die vielen «ausländischen Frauen» sowie die unzähligen «sexsuchenden Männer von Ausserhalb» könnten den Dorfcharakter des Langstrassengebiets, innerhalb welchem soziale Kontrolle herrsche, sprengen. Wie in einer Reportage des Tagesanzeiger vom 22. Juli 1995 nachzulesen ist, war der Fremdenhass gegenüber den in der Sexarbeit involvierten Personen gross. So porträtierte der Tagesanzeiger etwa eine etwas ältere Zürcherin, welche  auf ihrem kleinen Balkon Wasserballone deponierte. Laufe eine «schwarzi Strichchatz» unter ihrer Wohnung hindurch, werde diese kurzerhand mit den Ballonen beschossen.

In der Kritik standen nicht nur die (migrantischen) Frauen, welche sich auf der Langstrasse für Sex anboten oder Zuhälter, welche das Angebot für Drogen und Sex garantierten. Im Quartier störte man sich auch wegen den vielzähligen Freiern. Auf der Suche nach Frauen fuhren diese im Schritttempo durch die Langstrasse und durch ihre Nebenstrassen, man störte sich am Lärm ihrer Autos, an den Abgasen und an der blossen Präsenz der sexsuchenden Männer. So ist beispielsweise auf einem Transparent, welches von einem Quartierverein 1995 in der Langstrasse aufgehängt wurde, zu lesen: «Schliicher hauet ab!». Es zeigt ausserdem zwei aufgemalte Verbotstafeln: auf dem einen ist ein Auto, auf dem anderen ein erigierter Penis durchgestrichen. Dabei fällt besonders auf, dass innerhalb der staatlichen Problematisierung der Sexarbeit in Zürich immer die Frauen diejenigen waren, welche rechtlich mit Konsequenzen ihrer Tätigkeit rechnen mussten. Freier blieben unbehelligt und ohne Massnahmen versehen. In den Protesten der AnwohnerInnen jedoch waren es meist die Freier oder die Zuhälter, welche angeprangert wurden. So war es keine Seltenheit, dass in der Langstrasse oder in anderen Gebieten, wo die Sexarbeit öffentlich sichtbar wurde – wie im Seefeld – die QuartierbewohnerInnen nach dem Modell der Bürgerwehr auf die Strasse gingen und die Freier selbst vertrieben. Ebenso verbreitet war es, die Autonummern der herumfahrenden Freier zu notieren und wegen «unnötigen Herumfahrens» polizeilich zu verzeigen.

Panik um Immobilienpreise
So war es nicht mehr länger die Wohnungsnot, welche den Konflikt um den bezahlten Sex antrieb, sondern in den 90er-Jahren tauchte die neue Angst auf, die Qualität der Wohnlage sei durch die Sexarbeit und ihre Nebenerscheinungen gefährdet. Die Angst und das Ärgernis um die «Verslumung» des Langstrassen-Quartier seitens der Bevölkerung stieg stetig, gleichzeitig orientierte sich die Stadtregierung je länger je mehr in der Städteplanung unternehmerisch. So wurde im Sommer 1995 das Projekt Pro Langstrassenquartier lanciert. Dieser Vorläufer von Langstrasse Plus hatte zum Ziel, das Quartierleben dauerhaft zu stärken, indem zusätzliche Grün- und Freiräume sowie neue Quartiertreffpunkte geschaffen werden sollten. Weiter wurde eine bessere «Durchmischung der Bevölkerung» angestrebt. Im Kampf gegen die «Verslumung» im Kreis 4 wurde als Sofortmassnahme das Ziel gesetzt, die Vergnügungen rund um die Langstrasse massiv einzudämmen. So wurden beispielsweise die Vermieter von Sex-Etablissements nun neu stärker zur Verantwortung gezogen. Auffällig scheint, dass nach Medienberichten die Problematisierung der Sexarbeit auf der Strasse mit der Problematisierung des Drogenelends im öffentlichen Raum verschränkt wurde. Denn die verschärfte Repression Mitte der 90er-Jahre im Kreis 4 sowie im Kreis 5 betraf nicht alleinig die Sexarbeit, sondern wurde auch deutlich von der Angst vor einer neuen, offenen Drogenszene bestimmt. Was sich dabei vollzog, war eine Aneinanderreihung von Ausgrenzungsmechanismen von diversen Menschengruppen wie der Sexarbeiterin, um ein Stadtbild zu gestalten, dass (soziale) Sicherheit und somit Vermarktbarkeit garantiert. Der Sexarbeit kommt dabei in der Gestaltung und Kommerzialisierung von Stadtraum und urbanem Lebensgefühl einen doppelten Charakter zu: Einerseits scheint die Sexarbeit als Faktor gesehen zu werden, welche Stadtteile «abwertet»: Sobald Frauen auf der Strasse stehen und Sexarbeit ausüben, gilt diese Strasse als etwas verrucht, schmuddelig oder unsicher. Dort wo es viel käuflichen Sex gibt, fürchten sich die Stadtregierungen vor Szenebildungen und Ausschweifungen des Milieus und reagieren entsprechend mit Regulierung. Andererseits jedoch macht genau die Sexarbeit einen Teil vom urbanen Reiz und dessen Vermarktung aus. Zürich ist hierbei nicht das einzige Beispiel. Auch in Amsterdam oder Hamburg übt das Sexgewerbe eine gewisse Attraktion auf Menschen aus, auch wenn schlussendlich gar nicht zwingend Sex konsumiert wird. Es reicht schon, an der Langstrasse oder auf der Reeperbahn von Bar zu Bar oder von Club zu Club zu tingeln und ab und an einen Blick auf die verfügbaren Frauenkörper zu erhaschen.

Die Langstrasse als Vergnügungsmeile für mehr als jene, die auf der Suche nach sexuellen Dienstleis-tungen und ein bisschen Erotik sind, ist jedoch relativ jung. Diese Entwicklung wurde durch das Projekt Langstrasse Plus eingeläutet, welches die Langstrasse für jene, die sie heute fernab von Sexarbeit konsumieren, auf Vordermann brachte. Die historische Auseinandersetzung mit der Sexarbeit rund um die Langstrasse zeigt daher, dass der Kampf um die «richtige» Nutzung dieses Stadtgebiets nicht neu ist. Doch haben sich die Konfrontationen um das Gebiet der Langstrasse verändert. Sprach man in den 80er-Jahren von Wohnungsnot, wurde Mitte der 90er die «Verslumung» zu einer Bedrohung, heute werden die vielfältigen Interessen problematisiert, welche ans Quartier getragen werden. Es lässt sich die Analyse festhalten, dass die Regelung der Sexarbeit in der Stadt Zürich wesentlich von Vorstellungen beeinflusst wurde und wird, welche die Gestaltung des urbanen Raumes betreffen. Dabei geht es nicht nur um die herrschende Wohnungsnot wie in den 80er-Jahren, sondern auch um Fragen der Standortpolitik und des Stadtmarketings. Diese wurden in den letzten drei Jahrzehnten immer wichtiger. Die Stadtaufwertung, also die Nutzbarmachung urbaner Zentren durchlief in Zürich in den letzten dreissig Jahren eine steile Entwicklung. Die Sexarbeit ist ein Teil der Vermarktung von Urbanität und des urbanen Lebensgefühls und wird daher auch unter den Vorzeichen einer profitablen Stadtentwicklung verhandelt. Das prägnanteste Beispiel lieferte hierzu die Präsentation der Idee der Sexboxen in Altstetten der Stadtregierung Zürichs. Als Projektziel wurde definiert, dass die Aufhebung des grössten Strassenstrichs der Schweiz am Zürcher Sihlquai vor allem eines bewirken solle: Eine Beruhigung des betroffenen Stadtgebiets und die Wiederherstellung von Sicherheit. Fragen rund um die Angelegenheit der Sexarbeit und der darin involvierten Frauen waren und bleiben sekundär.

Es ist unhaltbar, dass der Druck auf die Sexarbeiter*innen, wie ihn beispielsweise aktuell die kapitalistische Urbanisierung erzeugt, nun auch von Frauenorganisationen erhöht wird. So zielt die Argumentation der Frauenzentrale darauf ab, aus rein moralischen Gründen die Sexarbeit weiter zu illegalisieren, was zwingend zu einer Prekarisierung der Sexarbeiter*innen führt: Je kriminalisierter, desto schwieriger ist es für die Sexarbeiter*innen, ihre Rechte einzufordern und sich vor Gewalt von Männern zu schützen. Sexarbeit ist Arbeit und daher gilt es, für faire Arbeitsbedingungen einzustehen und dafür zu kämpfen, dass diese eingehalten werden. Es ist ein Irrglaube, dass Verbote von Sexarbeit die Situation der diese ausübenden Personen verbessern. Ein Verbot schafft diese nicht ab, denn es sind die gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen von Frauen, welche sie dazu veranlassen, Sexarbeit zu betreiben. Die Politik, wie sie die Frauenzentrale fährt, ist daher nicht nur blauäugig, sondern gar frauenverachtend. Sie negiert die zentralen sozio-ökonomischen Bedingungen, welche Sexarbeit hervorbringen und strukturieren und bewegt sich im Bereich von moralischen und ethnischen Idealvorstellungen.

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