Wir kennen Boots Riley als Community-Organizer und Musiker. Nun ist er Filmemacher geworden. Der Film besticht mit überdrehtem Humor, schrägen Science-Fiction Elementen, harter Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft und insbesondere mit Hoffnung auf einen gemeinsamen Kampf dagegen. Wir entschuldigen die Störung gerne.

(az) «Entschuldigen Sie die Störung» diese Phrase wiederholt der Callcenter-Mitarbeiter Cassius, genannt Cash, Green ständig. Der Film beginnt mit der Bewerbung für eine sinnenentleerte und überflüssige Arbeit. Telemarketing hat nur einen Zweck: Menschen Dinge anzudrehen, die sie nicht brauchen. Für Cash aber ist sie überlebensnotwendig, denn Geld existiert nur in seinem Namen. Soweit eine vertraute Ausgangslage. Die Überraschung kommt mit dem fulminanten Aufstieg aus dem Keller des prekären Call Centers in die Höhen der obersten Etage des Unternehmens. Hier telefonieren so genannte «Power Caller» für die lukrativen Auftraggeber, seien das Waffenhersteller oder der im Zentrum stehende fiktive Konzern «WorryFree». Cash wird mit seinem Karrieresprung vor die Entscheidung gestellt werden, seine Freunde und Kollegen zu verlassen und zu verraten und sich zwischen einem wohlhabenden und einem politisch vertretbaren Leben entscheiden zu müssen.

Doch was ist die politisch vertretbare Arbeit? Wo zieht die einzelne Person, die ja tatsächlich arbeiten muss, um Lohn und Bestätigung zu bekommen, die Demarkationslinie? Als seine Liebste, die aktivistische Künstlerin Detroit, ihn wegen der neuen Arbeit zu verlassen droht, fragt er sie zu Recht, ob es denn so viel besser sei, politische Bilder an reiche Weisse zu verkaufen. Sie bleibt ihm die Antwort auf diese Frage schuldig. Der Film hingegen beantwortet sie, wenn auch eher versteckt. Das Werbeposter, das Detroit eines nachts heimlich und illegal abgeändert hat, um es in seiner Aussage zu verdrehen, wird später im Film wieder auftauchen: von der Streetart zur Ware geworden, als angeeignete Kunst zur Zierde der Villa des Multimilliardärs. Eine Reflexion über die Möglichkeiten der Kunst am Rande. Eine Frage, die sich Boots Riley selbst bestimmt stellt in seiner Doppelrolle als Aktivist und Kunstschaffender. Doch will er wohl kaum den Kunst-Aktivismus denunzieren, sondern viel eher auf die Möglichkeit der Vereinnahmung hinweisen. Die Fähigkeit des Kapitalismus, alles in Ware zu verwandeln und die ironische Herablassung der Bourgeoisie, mit welcher sie sogar Widerstand zu absorbieren vermag. Kunst ist so gesehen keine eindeutige Waffe, auch hier hängt es davon ab, in wessen Hände sie sich befindet. Oder auf den Film bezogen: Wer im Publikum sitzt.

Um aber auf die Frage der Wahl der Seite zurückzukommen, sei hier verraten, dass die Entwicklung Cash am Ende keine Wahl lassen wird, er wird schliesslich wieder zu den Guten gehören. Eine Klarheit, die uns ZuschauerInnen entspannt, denn Cash, der von Lakeith Stanfield meist lakonisch, oft überfordert und phasenweise energetisch aufgeladen dargestellt wird, ist ein wundervoller Sympathieträger. Weder Held noch Antiheld, ein netter Junge aus der Nachbarschaft, der ein angenehmes Leben möchte und dem wir das auch gönnen würden.

Power to the People
Der Film ist vor allem und zuerst eine Reflexion über die Klassengesellschaft und den Kampf dagegen. Beiläufig auch eine über Rassismus, denn die Armutsbevölkerung, die in diesem Film die Hauptrolle spielt, ist mehrheitlich farbig, immer aber multikulturell. Die Bourgeoisie hingegen ist weiss, mit einigen wenigen exotischen Abweichungen. Klasse ist materiell betrachtet keine Frage der Hautfarbe, aber Hautfarbe ist in der US-Gesellschaft klassenübergreifen relevant. So müssen sich jene «ExotInnen», die zur Elite gehören, doch immer noch mit der erniedrigenden Selbstgefälligkeit ihrer GesprächspartnerInnen abfinden können. In der ArbeiterInnenklasse hingegen bietet der gemeinsame Kampf Perspektive und birgt das Potential in sich, rassistische Vorurteile auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen.

«Sorry to bother you» wird gerne als schwarzer Film bezeichnet, weil er das zweifelsfrei ist. Weisse kommen nur in Nebenrollen vor oder sogar als die Verkörperung des Bösen. Auffällig und einzigartig macht den Film aber der Klassenstandpunkt. Die Lücke, die er zu schliessen versucht, ist riesig. Während in den letzten Jahren die Produktion von Filmen mit schwarzen Darstellerinnen einen kleinen Boom erlebt hat, mangelt es nach wie vor an Filmen mit glaubwürdigen, schwarzen Figuren von unten. Wer, wenn nicht ein Militanter aus Oakland, könnte da in die Bresche springen?

Gegen die Tyrannei des Kapitals
Das absolut Böse wird durch einen multinationalen Konzern, der sinnigerweise «WorryFree» heisst, verkörpert. «WorryFree» handelt mit Arbeitskraft und zwar jener von Menschen, die sich «freiwillig» in eine neue Form der Sklaverei begeben haben. Wegen der verbreiteten Obdachlosigkeit und der Unmöglichkeit, das Leben durch Lohnarbeit zu sichern, unterzeichnen viele einen Vertrag auf Lebzeiten. Als Gegenwert für ihre Arbeit bekommen sie fortan ein Dach über dem Kopf und zu essen.

«WorryFree» strebt nicht offen die Weltherrschaft an, doch die Weltmarktführung hat es bereits und drängt beharrlich in weitere Märkte vor. Der Unternehmer trägt kaum zufälligerweise den Namen «Steve» und weist auch entfernte Ähnlichkeiten zum inzwischen verstorbenen Besitzer von Apple in jungen Jahren auf. Er spaziert in bequemen Röcken rum, ist umwerfend fröhlich, immer der beste Kumpel und sagt, man solle ihn Steve nennen, oder irgendwie. Und sicherlich ist dem auch so, er kann es sich leisten, in diesen nebensächlichen Fragen tiefenentspannt zu sein. Wenn es aber um die Erzielung von Profit geht, gefriert das Lächeln ein und er wird gnadenlos.

Die Darstellung von «WorryFree»-Produktionsstandorten fällt leider schwach aus, dennoch hat es gereicht, verschiedene Zeitungen in den USA zur Reflexion über Lohnarbeit zu bewegen und zur vom Film beabsichtigten Aussage: Dass die Realität nicht weit von der Fiktion entfernt ist und dass der organisierte Kampf der ArbeiterInnenschaft eine Notwendigkeit darstellt.

«Sorry to bother you» führt uns in eine Zukunft, die der Gegenwart so ähnlich ist, dass wir den Unterschied zunächst gar nicht bemerken. Der Film tut das leichtfüssig, denn es ist eine Komödie. Die sehr ernsthafte und ernst gemeinte Botschaft wird weder subtil noch zurückhaltend vermittelt, ganz im Gegenteil bekommen wir die gesellschaftlichen Widersprüche direkt ins Gesicht gedrückt und zwar viele davon. Doch ist der Film deshalb nicht oberflächlich oder banal, er ist die beste Version dessen, was gemeinhin als «populistisch» bezeichnet werden könnte, hinuntergebrochen auf die harten Kampflinien innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft, geradezu überladen mit Schwierigkeiten, offenen Fragen und aufgenötigten Entscheidungen. Die positive Perspektive ist aber immer nur die eine, sie liegt im Zusammenhalt, in der Kollektivität und der Steigerung der Kampfkraft. Aber natürlich darf das hier nur in dieser Verallgemeinerung beschrieben werden, es sei auf allgemeine Weise auch angefügt, dass sich in Filmen die Gewaltfrage oft weniger moralisch stellt als im realen Leben, so auch hier: Gewalt ist keine Frage, sie ist die Antwort.

Optimistisch, auf die Kraft der Klasse vertrauend
Boots Riley ist Kommunist, er hat eine Agenda, keine versteckte. Er will die Massen organisieren, mit ihnen gemeinsam kämpfen und das Bewusstsein durch den Kampf stärken. Und dabei auch noch das Leben geniessen. So ist es sicherlich auch ein wenig sein Verdienst, dass der Occupy Oakland Bewegung 2011 als einziger Kraft innerhalb der weltweiten Occupy-Bewegung gelungen ist, aktiv in den Arbeitskampf einzugreifen und mehr als symbolische Politik zu betreiben. Fast Food-Buden wurden belagert, bis die Angestellten den Minimallohn erhielten, der Hafen wurde blockiert, für und mit Obdachlosen wurden Häuser besetzt, und alles zum Sound von «The Coup», der Hip Hop Band, in der Boots Riley den Lead hat, zu Break Beats und fröhlichen Pick Nicks. Occupy Oakland war multikultureller als andere Bewegungen, das Proletariat war auf den Füssen und traf sowohl auf weisse Punks aus San Francisco als auch auf politisch Militante. Ein bunter und starker Haufen.

Wie im Film. Wie in der Zukunft unserer Träume.

aus: aufbau95

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