Gleichstellungsparagraphen haben nichts daran geändert, dass das Füreinandersorgen Frauenarbeit geblieben ist, sowohl im unbezahlten Haus- und Familienbereich, wie auch in bezahlten Dienstleistungssektoren. Die Zeit wäre reif, die damit verbundenen Geschlechterrollen umzuwerfen.

(fk) Das letzte Jahr war geprägt von öffentlichen Diskussionen zu Sexismus, die Debatte ging von Belästigung und Missbrauch bis zur anhaltenden Lohnungleichheit der Geschlechter. So begrüssenswert die öffentliche Aufmerksamkeit darüber ist, so notwendig ist es, auch über die Ursachen der patriarchalen Ausbeutung zu reden. Solange wir die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung im Öffentlichen wie auch im Privaten ignorieren, wird es bei einer oberflächlichen Kritik bleiben. Die besondere Unterdrückung der Frau hat ihre Ursachen in ihrer spezifischen Funktion im gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsprozess.

Unter geschlechtsspezifischer Frauenarbeit verstehen wir vorwiegend die unbezahlten Familien- und Hausarbeiten, sowie die institutionalisierten oder privatwirtschaftlich organisierten Sorge- und Pflegearbeiten, die mehrheitlich von proletarischen Frauen ausgeführt werden. Das vorherrschende traditionelle Geschlechterverständnis führt immer noch zu einer Klassifizierung in Frauen- und Männerberufe. So werden «Frauenberufe» mehrheitlich schlechter bezahlt. Frauen in «Männerberufen» werden als Mannsweiber für suspekt gehalten und auch Männer in «Frauenberufen» müssen diese Entscheidung stets besonders rechtfertigen. Zwar hat sich diese Sichtweise durch den politischen Aufbruch der 68er Jahre relativiert, doch die reaktionären Entwicklungen werfen uns immer wieder zurück.

Der unbezahlte Sektor
Ungefähr die Hälfte der Bruttowertschöpfung in der Schweiz wird im unbezahlten Sektor erwirtschaftet, Frauen verrichten den Grossteil davon. Das Bundesamt für Statistik schätzte diesen Wert im Jahre 2016 auf 408 Milliarden Franken. Haus- und Sorgearbeit ist wirtschaftlich also hoch relevant.

Das Problem ist, dass dieser erhebliche Teil der gesellschaftlichen Leistung der Frau einen bestimmten Charakter der Produktion aufweist: Ihre Produktion ist Gebrauchswertproduktion, Produktion zum Zweck der Reproduktion des unmittelbaren Lebens. Ihre Arbeit ist gesellschaftlich nützlich und unbedingt notwendig. Sie ist nicht nur nützlich und produktiv, sie erfordert zum Teil erhebliche Qualifikationen. Sie ist aber in allem durch eines gekennzeichnet: Sie ist für den unmittelbaren Gebrauch bestimmt, nicht zum Tausch.

Diese Tatsache setzt der Teilnahme der Frau an der Tauschwertproduktion auf dem kapitalistischen Arbeitsmarkt Grenzen. Der Zwang zur Gebrauchswertproduktion wird für sie zur Fessel. Volle Teilnahme an der gesellschaftlichen Warenproduktion ist nur für jene Schichten der Frauen möglich, die die Hausarbeit auf Dienstpersonal abwälzen können.

Tatsächlich produziert die Frau in diesem Bereich jedoch eine Ware, die für die KapitalistInnen kostbarer ist als jede andere: Es ist die Ware Arbeitskraft, «deren Gebrauchswert selbst die eigentümliche Beschaffenheit besitzt, Quelle von Wert zu sein» (Marx). So wertvoll diese Ware jedoch ist, die die Frau produziert, sie bringt ihr wenig Nutzen. Nicht die Herstellung der Ware Arbeitskraft wird von den KapitalistInnen bezahlt, sondern die Verwertung dieser Ware im kapitalistischen Produktionsprozess. Nur wer selbst in diesen Prozess eintritt, wird entlohnt.

Was ist das Ergebnis? Die Arbeit der Frau im Haus wird nicht als Ware Arbeitskraft gehandelt und bezahlt, sondern ähnlich wie in feudalistischen Verhältnissen in Naturallohn entlohnt, wie Essen, Wohnen, Kleidung, etc. Wie alle rückständigen Produktionsprozesse unterliegt der Einzelhaushalt und die darin geleistete Arbeit der gesellschaftlichen Ächtung, ja, die unentlohnte Verausgabung der Arbeitskraft in diesem Bereich wird schliesslich gar nicht mehr als gesellschaftliche Arbeit oder überhaupt Arbeit angesehen.

Dass Frauen heute lohnarbeiten ist keine erwähnenswerte Tatsache mehr. Allerdings wird deswegen die Reproduktionsarbeit kaum gerecht zwischen den Geschlechtern umverteilt: In der Schweiz werden 63% der unbezahlten Arbeit von Frauen verrichtet. Das fordistische Ernährer-Hausfrau-Modell schwindet zwar immer mehr, bleibt jedoch in Bezug auf Normen, Werte und Zuweisungen weiter in den Köpfen und Gewohnheiten. Praktisch werden die Frauen in Teilzeitarbeit und Billig-Jobs getrieben und erhalten zusätzlich die Arbeiten, die der Abbau des Sozialstaats, die Krise im Gesundheitssystem in die Familie rückverlagert. Entsprechend klein sind die Renten im Alter.

Gerne wird in dieser Diskussion die work-life-balance erwähnt, und Frauen, die Familie und Karriere unter einen Hut bringen, werden als Vorbilder propagiert. Scheitert diese organisatorische Sisyphusarbeit, dann liegt die Schuld beim Individuum. Oder aber die finanzielle Situation lässt zu, dass man die Arbeit anderen überlässt, indem insbesondere MigrantInnen für Haus- und Sorgearbeit angestellt werden. All dies bedeutet, dass Abhängigkeiten und ungleiche Machtverhältnisse weiterhin bestehen bleiben.

Mythos Mutterliebe und heilige Kleinfamilie
Als Folge dieser spezifisch weiblichen Funktion finden wir das patriarchale Konstrukt der Einzelehe, und damit einhergehend noch immer die Idee der romantischen Liebe. Historisch gesehen bezog der Ehemann den Lohn, die Frau, welche die Hausarbeit verrichtete, tat dies aus Liebe und war finanziell von ihm abhängig. Frauen, die sich dem gesellschaftlichen Diktum widersetzten, wurden bestraft indem sie sozial geächtet sowie auf dem Arbeitsmarkt schlechter bezahlt wurden, unabhängig von ihrer Stellung, daher selbst, wenn sie die gleiche Arbeit wie Männer ausführen.

Bezahlte Sorgearbeit
Auch die bezahlte Pflegearbeit machen Frauen aus «Berufung», und da Frauenarbeit, kann sie auch minder bezahlt werden – so die gesellschaftliche Praxis. Die eigentliche Ware ist hier im Dienstleistungsverhältnis die direkte Beziehung zwischen ProduzentIn und KonsumentIn oder die direkte Arbeit am Menschen. Produktions- und Konsumationsprozess sind nicht voneinander trennbar. Das bedeutet auch, dass Pflege«effizienz» für die kapitalistische Verwertung nicht beliebig beschleunigt werden kann, anders als beispielsweise bei der Produktion von Autos. Tatsächlich aber findet eine Überführung dieser Tätigkeiten in die Zeitlogik der Wertschöpfung statt, in dessen antagonistischem Widerspruch die Menschen auf beiden Seiten zerrieben werden, wie dies etwa in der Altenpflege im Minutentakt einsehbar ist. Alle Arbeiten mit Menschen, die fürsorglich, pflegend und heilend geschehen, müssen in der Logik kapitalistischer Rationalisierung zur Karikatur werden, die pflegenden Subjekte entweder zu ZynikerInnen oder durch ethisches Mitfühlen zur Verzweiflung getrieben und die Objekte des Handelns bis zum Toleranzpunkt des blossen Überlebens vernachlässigt werden.

Dieser Prozess ist nichts Neues, er ist schon seit Beginn des Kapitalismus im Gang, wird aber jetzt, in Zeiten der entgrenzten Marktgesetze, allgemein verschärft und intensiviert und erfahrbar als Krise des Bildungswesens, des Gesundheitswesens, der Altenpflege.

Geschlechterrollen aufbrechen
Es ist an der Zeit, Geschlechterrollen und ihre spezifischen Funktionen in Ökonomie und Ideologie aufzubrechen. Reproduktionsarbeit – bezahlt oder unbezahlt – kann nicht mehr die Aufgabe von proletarischen Frauen sein, sie muss vergesellschaftet und kollektiviert werden. Sie muss von Allen ausgeübt werden können und anständig entlohnt werden. Dazu muss die Grundstruktur der kapitalistisch-patriarchalen Ökonomie radikal umgewälzt, die Profitgesetze über den Haufen geworfen werden. Die Kritik an der kapitalistischen Verwertung der Menschen bis in ihre Subjektivitäten hinein benötigt die Perspektive der freien Assoziation der ProduzentInnen.

Dieses Ziel, Geschlechterrollen zu hinterfragen, verbindet uns auch mit verschiedenen Queerbewegungen, die sich vermehrt in die Schlacht gegen reaktionäre Denk- und Handlungsweisen werfen. Die traditionellen Rollenbilder und biologistische Geschlechtskonzepte reproduzieren heteronormative Ideologien, Homophobie und Diskriminierungen von Menschen, die sich nicht in diese Geschlechtsnormen hinein zwängen lassen. Rechte Kräfte beklagen den «perversen Zeitgeist» und hetzen wieder offen gegen Schwule, Lesben und Transgender-Personen im Namen von «Familie, Volk und Nation». Das Kapital in der Krise nutzt Homophobie für seine Interessen und verschiedene Regierungen haben die Repression wieder verschärft. Dabei spielen fundamentalistische Religionen aller Richtungen eine wichtige Rolle. Jedes Jahr werden rund um den Globus Tausende Menschen wegen ihrer sexuellen und geschlechtlichen «Abweichungen» geschlagen, belästigt, vergewaltigt, gefoltert oder ermordet.

Als KommunistInnen kämpfen wir mit den Queerbewegungen gegen Geschlechter- und Körpernormen, gegen den Zwang, so zu sein, wie sie uns vorschreiben, gegen die Arbeitsteilung zwischen Frau und Mann, für eine Gesellschaft, in der alle so sein, so lieben und Sex haben können, wie sie wollen. Nur die Bourgeoisie als Klasse und patriarchale Denk- und Handlungsweisen müssen abgeschafft werden.

Ein neuer Frauenstreiktag ist notwendig
Die Care-Arbeit ist der Elefant im Raum, über den niemand reden will und der doch omnipräsent ist. Denn ohne Sorgearbeit geht nichts, sie macht die Arbeit in den Betrieben überhaupt erst möglich. Genau deswegen ist ein Streik im Care-Bereich spannend: Er zeigt auf, dass ohne diese Arbeit nichts mehr geht. Lehnen sich bspw. die KinderbetreuerInnen gegen die prekären Arbeitslöhne auf und streiken, dann muss jemand auf die Kinder aufpassen. Solidarisieren sich auch die anderen Frauen mit den BetreuerInnen und streiken ebenfalls, dann müssen die Männer diese Arbeit übernehmen. Müssen die Männer auf die Kinder aufpassen, können sie nicht im Betrieb arbeiten – dann steht die ganze Produktion still. Dieses Gedankenspiel ist zwar ein theoretisches, verdeutlicht jedoch die praktische Relevanz der Sorgearbeit. Wenn Frau will, steht alles still! – hiess es bereits im Jahre 1991 am 14. Juni.

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