Die kommunistische Theoretikerin und Agitatorin Rosa Luxemburg wurde vor 100 Jahren im Auftrag der SPD-Regierung ermordet, die Revolution niedergeschlagen. Ein Comic erinnert an sie, voller Sympathie, lehrreich und bewegend.

Kate Evans hat den anspruchsvollen Schritt gewagt, das Werk und das kurze, aber ereignisreiche Leben von Rosa Luxemburg als gezeichnetes Buch in Szene zu setzen. Sie hatte dabei den Anspruch, sich nicht auf ihr bewegtes Liebesleben zu beschränken, sondern auch ihre Gedanken und Theorien zugänglich zu machen. Ein unglaublich schwieriges Unterfangen, da Comics sich nur sehr begrenzt dafür eignen, ökonomische oder philosophische Konzepte darzustellen. Es endet meist in sprechenden Köpfen mit ewig langen Sprechblasen oder Schautafeln, die nur gefühlt einfacher verständlich sind. Oder aber der Inhalt wird banal und oberflächlich. Evans hingegen schafft es ziemlich leichtfüssig, Inhalte zu vermitteln, beispielsweise wenn Luxemburg mit ihren Brüdern am Esstisch sitzt und diesen erklärt, was der Inhalt von Kapital Band 1 ist, indem sie nutzt, was zur Verfügung steht: «Das Kapital? Es handelt von Dingen... von allem, was wir haben. Zum Beispiel dieses Salz. Es hat zwei Eigenschaften. Es hat einen Gebrauchswert. Ich kann es auf mein Essen streuen. Und es hat einen Tauschwert. Sagen wir, ich habe genug Salz benutzt – ich will mein Essen ja nicht versalzen – ich könnte mein Salz ja gegen etwas von deinem Pfeffer tauschen.» Und so spricht sie weiter und spielt dabei mit Löffeln, die die produzierenden Arbeitskräfte symbolisieren und dem Brotmesser, Sinnbild eines Kapitalisten. Von der Einführung der Geldwirtschaft bis hin zur Ausbeutung und dem Klassenkampf spielt sich Ökonomie auf dem Familienesstisch ab, sehr zum Leidwesen der Mutter, deren schön vorbereitetes Mittagessen dadurch arg durcheinander gerät.

Kluge Bilder
Natürlich füllt auch Evans das Buch mit viel mehr Text, als sich für einen Comic ziemt, wahrscheinlich aus dem Drang, möglichst viele Zitate einfliessen zu lassen. Das führt auf vielen Seiten zu einem sehr unschönen Mix unterschiedlicher Schriften. Aber das Positive, dass sie sich Gedanken über die bildliche Darstellung von Theorie gemacht und überzeugende Lösungen dafür gefunden hat, überwiegt weitaus, weshalb ihr Buch auch völlig zu Recht mehrere Preise gewonnen hat. Wenn also der Comic in der Gestaltung der Schriften nicht überzeugt und auch nicht alle Zeichnungen gleich gelungen sind, so ist er doch ein Meisterwerk. Als Beispiel kann das Titelbild von Luxemburgs geneigtem Kopf dienen, auf dem sich die Verheerung des ersten Weltkriegs abspielen, während auf ihrem Buckel der Nachschub an Kanonenfutter aufs Schlachtfeld trabt. Wir lesen daraus ihre resolute Kriegsgegnerschaft ab und können nicht anders, als verstehen. Diese Welt erzeugt Kopfschmerzen, sie muss enden, der Kampf für die Veränderung ist eine Notwendigkeit. Rosa Luxemburg wird sich erheben und versuchen, das alles abzuschütteln.

Im Interview sagt Evans, dass sie Luxemburg gar nicht gekannt hatte, als ihr das Projekt vorgeschlagen wurde. Offenbar geht sie davon aus, nur angefragt worden zu sein, weil sie eine Frau ist und Frauen in der Comic-Branche eine Seltenheit. Doch war es ein Glücksfall. Mit der Lektüre eröffnete sich ihr eine neue Welt, sie stürzte sich voller Elan zunächst auf jedes erhältliche Schriftstück von Luxemburg, später auch auf Marx. Diese ungebändigte Begeisterung vermittelt sich spürbar.

Evans lehnt das Etikett «Feminismus» oder «Suffragette», das viele Luxemburg anheften möchten, ab, da sie sich nicht damit identifizierte. Wie sie sich im Buch ihrer Freundin Clara Zetkin gegenüber äussert: «Es tut mir leid, Clara. Du tust so viel für die Frauenemanzipation. Ich könnte das nicht. Ich kann nicht so tun, als würde ich mit den Frauen der Bourgeoisie gemeinsame Sache machen. Sie sind Parasiten am Körper der Parasiten.» Clara Zetkin steht dadurch allerdings etwas im falschen Licht da, denn das Zitat ist einer ihrer Reden entnommen. Derartige Kunstgriffe legt Evans auf 40 Seiten Anhang offen, wo Originalzitate und Verweise gewissenhaft aufgeführt sind. Und sie machen plausibel, dass es ein derartiges Gespräch zwischen den beiden Kommunistinnen gegeben haben könnte.

Intelligent, selbstbewusst und kampfbereit
Luxemburg war also keine Feministin, aber sie war sehr wohl eine äusserst selbstbewusste, emanzipierte Frau, die als solche ihren Platz innerhalb der Gesellschaft einforderte. Sie wollte einfach viel mehr als Gleichberechtigung und Frauenstimmrecht. Nur in der Revolution sah sie wirkliche Befreiung und zwar für jene, denen sie sich verbunden fühlte: Die Ausgebeuteten und Unterdrückten dieser Erde, sowohl in Deutschland als auch in Übersee. Entsprechend nimmt die Schrift «Die Akkumulation des Kapitals», in der sie ihre Imperialismustheorie niedergeschrieben hat, in diesem Comic den gebührenden Raum ein. Jene Schrift, über die sich TheoretikerInnen bis heute streiten und an welcher sich messen lässt, ob Luxemburg als politische Philosophin ernst genommen wird. Evans wirft sich überzeugt und überzeugend in dieses Thema und lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie denkt, die Geschichte habe Luxemburg recht gegeben.

Je näher der erste Weltkrieg und die Zustimmung zu den Kriegskrediten rückt, desto erbitterter wird der Kampf innerhalb der Partei. War «Frau Dr. Luxemburg», als sie nach Deutschland kam, von der SPD mit offenen Armen und viel Respekt empfangen worden, wird sie nun ausgegrenzt, nicht mehr publiziert und nicht mehr einbezogen. Die Parteibonzen lassen auch plötzlich sexistische Sprüche fallen und wir hören sie Dinge sagen wie: «Dieses giftige Luder wird viel Schaden anrichten. Ihr einziges Motiv ist eine geradezu perverse Rechthaberei.» Die Männer der SPD kommen in diesem Buch fast durchwegs nicht gut weg, wobei es natürlich Ausnahmen gibt. Schon früh zeigt sich allerdings, dass Friedrich Ebert ein hoffnungsloser Fall ist. In einer Szene wird der Schüler Ebert von der Lehrerin der Parteischule, Rosa Luxemburg, mit einem Aufsatz konfrontiert: «Herr Ebert, haben Sie einen Moment? Sie haben sich schwer getan mit der Aufgabe. Der Begriff Dialektik verwirrt Sie.» Worauf Ebert: «Wie kann ein Ding sein Gegenteil enthalten? Von sowas krieg ich Kopfschmerzen. Ich mag es einfach und klar: entweder schwarz oder weiss.» Luxemburg: «Verstehe. Aber in der Spannung zwischen den widerstreitenden Kräften der Gesellschaft liegt die Möglichkeit der Veränderung. Wie der grosse Philosoph Hegel sagte: Der Widerspruch ist das Fortbestehende.» und Ebert: «Was nützt dem Arbeiter abstrakte Philosophie? Kann sie ihn ernähren? Oder kleiden?» «Transformation, Herr Ebert. Revolution.» antwortet Luxemburg und Ebert tritt erbost und schnaubend ab. Später in der Geschichte wird er als Machthabender wieder in Erscheinung treten und das Abschlachten der Revolution befehlen. Der Unterricht bei Luxemburg hat offensichtlich wenig gefruchtet.

Andere Männer im Buch sind liebevoll portraitiert, insbesondere einige Liebhaber, die immer wieder mit ihren Abgründen klarkommen müssen. Es ist durchaus ein Vorzug des Buchs, dass Luxemburg zwar eindeutig Kate Evans Heldin ist, aber nicht nur idealisiert dargestellt wird. Sie zeigt sie auch als von Zweifeln geplagte Frau, sowohl was ihr Äusseres anbelangt, als auch den Zustand der Welt. So zeichnet dieser Comic eine vielseitige und glaubwürdige Biographie dieser grossen Kämpferin, die am Ende den höchsten Preis bezahlte. Als fast letztes Zitat legt ihr Evans einen Gedanken aus einem ihrer Briefe in den Kopf: «Weisst du, ich habe aus der Geschichte gelernt, dass man das Wirken des Einzelnen nicht überschätzen soll.» Dass die Autorin davon ausgeht, Luxemburg habe am Boden liegend und von faschistischen Schlägern umringt sich noch selber relativiert und auf den Aufstand der Massen vertraut, lässt sich natürlich nicht belegen. Doch es wäre schön.

Kate Evans: Rosa: Die Graphic Novel über Rosa Luxemburg. Dietz Berlin, Berlin 2018. 

Im Orignial englisch: Red Rosa bei Verso, New York 2015.

aus: aufbau 97

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