Die Kampagne zum Frauen*streik am 14.06. in der Schweiz ist in vollem Gange und bewegt viele. Wichtige Fragen werden gestellt und gesellschaftlichen Analysen gemacht. Jetzt heisst es, nicht bei Worten zu bleiben, sondern auch in der Praxis die entsprechenden Antworten zu entwickeln. 

Der Frauenkampf entwickelt aktuell eine ungeheure Dynamik und bewegt Frauen weltweit. In Zürich waren wir dieses Jahr an der traditionellen Frauen*demo über 2000 Frauen, die sich auch trotz massivem Bullenaufgebot nicht abschrecken liessen. In Winterthur fand am 8.März erstmalig ein Abendspaziergang statt, wo sich über 300 Frauen* lautstark die Strasse nahmen. Und auch in Basel blieb es zum Frauenkampftag nicht ruhig. Seit einigen Jahren beobachten wir, dass der Frauenkampf weltweit an Fahrt gewinnt. Von der Ni una menos-Bewegung Südamerikas, über die Frauenrevolution in Rojava bis zur #metoo Bewegung: überall leisten Frauen Widerstand. Der Frauenstreik ist weiterer Ausdruck davon und es entwickelt sich eine potenzierende Wechselwirkung. Für uns als revolutionäre Frauenkämpferinnen stellt sich nun die Frage, wie wir auf dieses Potential reagieren. Es ist also auch der Moment inne zu halten, um ein paar Überlegungen zur Diskussion zu stellen.

Kämpfe verbinden
Der Frauenkampf hat die Kraft gesamtgesellschaftliche Fragen aufzuwerfen. Dies lässt sich an den aktuellen Debatten, welche rund um den Frauen*streik geführt werden, deutlich ablesen.  Die mehrheitlich von Frauen geleistete Sorge- und Hausarbeit wird ebenso kritisch betrachtet, wie die herrschende Lohnungleichheit und die prekären Arbeitsverhältnisse in feminisierten Arbeitssektoren. Die Kampagne zum 14. Juni ist weit davon entfernt, ein klassischer Streik zu sein. Bis anhin dominieren politische Diskussionen rund um die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. Dies ist eine Stärke, welche aber auch ihre Krux beinhaltet.

Stärke, weil mit dieser Diskussion grundlegende, antikapitalistische Forderungen aufgeworfen werden. Die geschlechtspezifische Arbeitsteilung ist einer der Grundpfeiler des Kapitalismus. Die ganze Wirtschaftsmaschinerie funktioniert nur, wenn sie mit der Arbeitskraft versorgt wird, welche im Privaten und nicht lohnförmig (re)produziert wird. (Vgl. Füreinander sorgen – noch immer Frauenarbeit ?!  Nr. 96) Und diese Reproduktionsarbeit ist zu einer überwältigenden Mehrheit Frauenarbeit. Ein Umstand, der sich nur dank der herrschenden Frauenunterdrückung durchsetzen lässt. Wird diese Arbeitsteilung angegriffen und die Forderung nach einer Kollektivierung der Reproduktionsarbeit aufgestellt, wird die Frage aufgeworfen, wie wir als Gesellschaft überhaupt leben und produzieren wollen. Nicht nur ein Teil der Frauen, sondern alle Menschen, egal welchen Geschlechts und welchen Alters, sind davon betroffen. Der Kapitalismus mit seinen patriarchalen Strukturen als Ganzes wird auseinandergenommen.

Krux an diesem besonderen Nährboden des Frauen*streiks 19 ist die mangelnde Fokussierung auf real geführte Arbeitskämpfe. Denn genauso wie die Ausbeutung unserer Arbeitskraft im Privaten stattfindet, sind Frauen auch einer verschärften Ausbeutung am Arbeitsplatz ausgesetzt. Wenn dort gestreikt wird, ist das Sand im Getriebe, welcher die kapitalistische Profitmaschinerie stört. Der Protest lässt sich dann nicht mehr auf Kämpfe in unserer «Freizeit» reduzieren, Geld geht verloren. Deswegen erscheint es uns wichtig, diese Kämpfe zu verbinden. Unser Ziel muss sein, die Isolation der Einzelnen zu durchbrechen. Wir können uns unter den Kolleginnen vernetzen, und am Tag selber eine reelle Gegenmacht aufbauen.

Gegen reformistische Tendenzen stehen
Was die Bewegung rund um den Frauen*streik so spannend und kraftvoll macht, ist das Zusammenkommen dieser zwei Ebenen, welche an den Grundfesten des kapitalistischen Systems rütteln. Das lässt sich auch an der ironischen Tatsache feststellen, dass der Frauenstreik 1991 seinen Ursprung bereits in der Kritik am Gleichstellungsgesetz fand. Real lässt sich die gesetzlich zugesicherte Gleichstellung jedoch noch lange nicht sehen. Heute ist das Gleichstellungsgesetz kein Thema mehr. Die Frauen haben sich von der Illusion verabschiedet, dass irgendein Gesetz ihre tatsächliche Lebensrealität nachhaltig verbessert.

Errungenschaften der Frauen sollen nicht missachtet werden, sie sind wichtige Etappen und helfen der Entwicklung von Bewusstsein und Kampfkraft. Dabei muss aber immer im Blick behalten werden, dass solange es bei Reformen innerhalb der bestehenden Geschlechter- und Produktionsverhältnissen bleibt, immer neue Widersprüche entstehen. So zum Beispiel, wenn man die Forderung nach ökonomischer Unabhängigkeit und mehr Frauen in der Lohnarbeit betrachtet. Heute ist der Anteil der Frauen in der Erwerbsarbeit in der Schweiz bei etwa 90%. Dementsprechend kommen bürgerliche Forderungen nach mehr Frauen in Führungspositionen auf. Dies ist in der bürgerlichen Öffentlichkeit ein viel zu dominantes Thema, angesichts der Widersprüche, welche diese Entwicklung nach sich zieht. Denn immer mehr Hausarbeit, welche historisch nicht lohnförmig und von den Frauen gemacht wird, wird dann von denen, die es sich leisten können, günstig oder gar schwarz eingekauft. So kommt es, dass besonders Migrantinnen in die Bresche springen. Und wer dann für ihre Kinder sorgt, oder ihre Eltern pflegt, während sie in der Schweiz 24h Pflegedienst erbringen, fragt niemand. Neue Widersprüche entstehen und der Reformismus findet keine Antwort darauf.

Bruchposition festigen
Deshalb bietet nur eine klare Klassenposition eine Perspektive für alle. Nur mit ihr werden die grundlegenden Widersprüche und Unterdrückungsformen des Systems sichtbar und damit auch prozesshaft passende Antworten gefunden, um die Unterdrückung zu überwinden. In der aktuellen Debatte zum Frauen*streik in der Schweiz werden viele solcher Strukturen hinterfragt. Es herrscht aber die Gefahr bezüglich der gewählten Methode um diese Widersprüche aufzuzeigen – der Streikform - in reinem Verbalradikalismus verfangen zu bleiben. Wenn es darum geht, der gemachten Analysen entsprechende Schlüsse zu ziehen, müssen wir Strategien finden, reale Gegenmacht aufzubauen. Zentral dafür ist die Frage der Organisierung. Jede für sich alleine oder gemeinsam, aber als spontan auftretender Ausbruch von Empörung, ist ein revolutionärer Prozess nicht voranzutreiben.  Ein Gegenpol zu den Herrschenden können wir nur gemeinsam und organisiert aufbauen. Aber nicht nur strategisch, auch methodisch ist klar, dass sich eine solidarische Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung nur durch einen kollektiven Aushandlungsprozess entwickeln lässt. Aus Frauenperspektive beinhaltet der Organisierungsprozess nochmals eine spezielle Qualität. Es sind diese Strukturen, welche uns Frauen ein Selbstbewusstsein und das Erleben der eigenen Wirkungsmacht entwickeln lassen. Gegen die patriarchale Unterdrückung erobern sich die Frauen durch ihre Kämpfe den Raum zurück.

Organisierung alleine bedeutet aber noch nicht Gegenmacht. Ebenso Teil davon ist eine der Analyse entsprechende Praxis. Wenn wir von der Notwendigkeit der Revolution zur Beantwortung der herrschenden Probleme sprechen, gilt es auch eine entsprechende Praxis zu formulieren. Wir wollen nicht nur stören, wir wollen verändern!

aus: aufbau 97

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