Die kurdische Befreiungsbewegung versteht Krieg als den ultimativen Ausdruck des Patriarchats. Nicht nur Menschen, auch die Natur kommt zu Schaden. Ihr Verständnis von Ökologie setzt auf kollektives Leben, Selbstversorgung und –verteidigung.

(agj) Auch in den Phasen, in denen der türkische Staat nur vereinzelt militärische Schläge ausführt, herrscht weiter Krieg in Rojava. In der Kriegsführung niedriger Intensität setzt er vor allem unkonventionelle Angriffsformen ein. Sie zielen darauf ab, die materielle und moralische Basis des Widerstands zu schwächen, die Bevölkerung zu zermürben und in die Flucht zu treiben. Krieg bedeutet nicht nur einen Angriff auf die Menschen, sondern auch auf die Natur, auf die natürlichen Lebensgrundlagen. Der türkische Staat und seine verbündeten jihadistischen Banden stecken Getreidefelder kurz vor der Ernte in Brand. Sie fällen Olivenbäume, um die besetzten Gebiete durch den Import von türkischem Olivenöl wirtschaftlich abhängig zu machen. Sie bombardieren Wasserreservoirs, die die Bevölkerung und die Landwirtschaft mit Wasser versorgen.

Der türkische Staat hat begonnen, den Ilisu-Staudamm in Nordkurdistan zu füllen und die jahrtausendealte Stadt Hasankeyf zu fluten, und plant den Bau von weiteren Staudämmen und Wasserkraftwerken entlang von Euphrat und Tigris, den Hauptwasseradern des Mittleren Ostens. Was vordergründig der Stromproduktion aus Wasserkraft dienen soll, verfolgt tatsächlich die Absicht, durch die künstlichen Stauseen die Bewegungsmöglichkeiten der Guerilla zu behindern, die flussabwärts gelegenen Regionen wie Rojava auszutrocknen und zwischendurch mit dem Ablassen von grossen Wassermassen zu überschwemmen. Der türkische Staat schreckt nicht davor zurück, seine Kontrolle über das Wasser als politisches Druckmittel gegen Rojava, das übrige Syrien oder den Irak einzusetzen. Aber auch die einseitige Wirtschaftspolitik des Syrischen Regimes in den Jahrzehnten vor der Revolution, die sich gegen die kurdische Bevölkerung Rojavas richtete, hat immense ökologische Schäden angerichtet.

Den Bruch zwischen Mensch und Natur kitten

Die PKK änderte Mitte der 2000er-Jahre ihr Paradigma hin zu radikaler Demokratie, Frauenbefreiung und Ökologie und nahm die Theorie der sozialen Ökologie des US-amerikanischen Kommunalisten Murray Bookchins auf. Sie geht von zwei Brüchen beim Übergang von der natürlichen Gesellschaft (Ur-Kommunismus) zu hierarchischen Klassengesellschaften aus: Dem Bruch zwischen den Geschlechtern und dem Bruch zwischen Mensch und Natur. Laut der kurdischen Bewegung müssen wir diese Brüche kitten, um die sozialen und ökologischen Probleme zu lösen. Sie argumentiert, dass die Kritik der Sowjetunion und anderer revolutionärer Bewegungen am herrschenden System nicht tief genug gegangen sei und sie darum letztlich scheiterten. Sie brachen nicht mit der Mentalität von einseitigem Rationalismus und von der Beherrschung der Natur durch unbegrenzte Industrialisierung.

Rojava steht für ein neues Gleichgewicht zwischen rationalem Denken und Intuition ein. Um die Natur zu schützen und zu respektieren, muss man sich mit ihr emotional verbunden fühlen. Dies ist aber nicht einfach ideell gemeint, sondern diese Verbindung mit der Natur stammt aus der Praxis. BäuerInnen bearbeiten das Land. HeilerInnen sammeln und verarbeiten Heilpflanzen zu Kräutermedizin und sorgen damit für die Gesundheit der Gemeinschaft. Familien sammeln essbare Wildpflanzen und bestellen den Gemüsegarten. Diese BäuerInnen, HeilerInnen und selbstversorgenden Familien, die bei uns früher auch weit verbreitet waren, gibt es in Rojava noch, und sie leisten Widerstand gegen ihre Integration ins kapitalistische System.

Ein Kommandant erzählt, wie die Ernährung mit wildwachsender Malve ihren Widerstand bei der Belagerung von Kobane stärkte. DorfbewohnerInnen von Carûdî bei Dêrîk haben nach der Revolution eine Landwirtschaftskooperative aufgebaut und 2020 ihren ersten Weizen und Koriander geerntet sowie im Dorf ein kollektives System zur Bekämpfung von Feldbränden eingerichtet. Die Enkelin einer Heilerin ist Co-Verantwortliche des Frauendorfes Jinwar und baut die Naturmedizin-Abteilung der Frauenklinik mit auf. Eine Genossin der Jugend beantwortet die Frage, was für sie Ökologie sei: dass GenossInnen sich gegenseitig ermahnen, Zigarettenstummel nicht auf den Boden zu werfen und zwar aus «Welatparêzî». Der kurdische Begriff, der aus Ermangelung eines entsprechenden deutschen Wortes oft mit Patriotismus, Nationalismus oder Heimatliebe übersetzt wird, meint vielmehr die Verbundenheit mit dem Land und der Erde und seinen Menschen. Es ist ein Aufruf diese auch zu verteidigen. Nach einem ökologischen Leben gefragt, zeigen die GenossInnen auf die Guerilla in den Bergen und deren kollektives Zusammenleben als Vorbild.

Die Metapher der Rose

Wie alle Lebewesen, Tiere und Pflanzen müssen auch menschliche Gesellschaften sich selbst gegen Angriffe verteidigen können. Wer das Gewaltmonopol an den Staat abtritt, ist wehrlos und unfrei. Was die Dornen der Rose sind, sollen in Rojava alle gesellschaftlichen Strukturen selber übernehmen. Neben der (militärischen) Selbstverteidigung spielt die Selbstversorgung eine Schlüsselrolle. Kollektiv die eigenen Lebensmittel anzubauen und zu verarbeiten, die eigenen Häuser aus lokalen Materialien wie Lehm und Stroh zu bauen, die eigene Medizin herzustellen, selbstverwaltet demokratisch für alle Bedürfnisse der Gemeinschaft sorgen zu können – dies bedeutet ein ökologisches und freies Leben. Die Co-Verantwortlichen des Landwirtschaftskomitees des Kantons Qamişlo halten fest: «Es gibt viele feindliche Kräfte; es herrscht Krieg; aber wir fahren fort, die Arbeit der BäuerInnen zu fördern. Sie sehen dies und es stärkt unsere Einheit.» Was den kurdischen GenossInnen im Frauenkampf gelingt – nämlich dass er nie, auch nicht in den schwierigsten Kriegssituationen hinten angestellt wird, sondern immer als Antrieb für Schritte nach vorne dient, muss auch ein Ideal für den ökologischen Kampf sein.

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