Kinder, Küche, Kommunismus

BUCHREZENSION Carmen Scheide’s Studie über »das Wechselverhältnis zwischen sowjetischem Frauenalltag und Frauenpolitik von 1921 bis 1930« zeigt eine ernüchternde Bilanz über die praktische Umsetzung der revolutionären Ansprüche im Alltag.  (aufbau 56)

(agfk) Carmen Scheides Dissertation[1] über das Leben der Moskauer Arbeiterinnen in den Anfängen des Sozialismus zeigt die Widersprüchlichkeit revolutionärer Prozesse auf. Ihre differenzierte Arbeit zum Spannungsfeld zwischen emanzipatorischer Frauenpolitik, individuellen Lebensentwürfen und materiellen Bedingungen, besticht durch eine bemerkenswerte Fülle von Fakten und Quellen. Einen Überblick gibt die Autorin über die Konzepte des »neuen Menschen« und der »neuen Frau« von Marx über Trotzki bis zu Zetkin und Kollontai. Scheide fällt ein kritisches Urteil über die Kluft zwischen den Ansprüchen der RevolutionärInnen und dem weiblichen Alltag. Die materiellen und kulturellen Ursachen dieser Kluft zeigen, dass die Revolutionierung jahrtausendealter Unterdrückungsverhältnisse – insbesondere patriarchale Frauen- und Männerbilder – bewusste Anstrengungen mehrerer Generationen bedarf.

Gleichstellung der Frau

Mit der Oktoberrevolution 1917 sollte die bisherige Klassengesellschaft zu einem sozialistischen Kollektiv umgewandelt und die Gleichstellung der Frauen erreicht werden. Dazu wurden zahlreiche fortschrittliche Dekrete und Gesetze erlassen. Durch eine liberale Ehe- und Scheidungsgesetzgebung und die Einführung des Prinzips, gleichen Lohn für gleiche Arbeit, sollte die Arbeiterin aus ihrer doppelten Unterdrückung befreit werden. Basierend auf Marx, Engels, Bebel und die Emanzipationskonzepte Zetkins wurden lebhafte Debatten über die Neuordnung des Alltagslebens und die Rolle der Frau im Sozialismus geführt. Die marxistische Forderung nach Gleichheit war eine radikale gesellschaftliche Utopie, die weit über bürgerliche zeitgenössische Emanzipationsforderungen wie Frauenwahlrecht und Frauenbildung hinausging.

Geschlechtergeschichte

In ihrer Arbeitsthese geht Carmen Scheide davon aus, dass die damalige Sichtweise, sowjetische Frauen seien rückständig und politisch wenig engagiert, ein überwiegend männliches Urteil war. Ziel ist die Sichtbarmachung von Frauen als historische Subjekte und das Aufdecken von Geschlechtergeschichte. Diskursive Konzepte von Weiblichkeit und Männlichkeit auf verschiedenen Ebenen von Alltag, Politik, Kultur, Medizin, Bildung, Wissenschaft bis hin zur Symbol- und Bildsprache werden sichtbar. Die Autorin zeigt auf, dass durch die tief verwurzelte Geschlechterdifferenz und das Fortbestehen traditioneller Geschlechtercharaktere im Denken, eine dringende Notwendigkeit besteht, nicht nur Klasse sondern auch Geschlecht (gender) als durchgängige Kategorie zur differenzierten Erforschung der sowjetischen Geschichte zu benutzen. Dazu gehört die Anwendung eines Arbeitsbegriffs, der auch die Arbeitsteilung im häuslichen, privaten Bereich zum Gegenstand der Analyse macht. Es wird deutlich, dass Frauen durchaus politisch aktiv waren, sich an Streiks, Versammlungen, politischen Manifestationen, Barrikadenkämpfen usw. beteiligten, jedoch durch ihre Verpflichtungen im Haus gebunden waren.

Die ženotdely

Organisatorisch fand Frauenpolitik vor allem in der von 1918 bis 1930 bestehenden Frauenabteilung ženotdely im Zentralkommitee der Kommunistischen Partei statt. Öffentliche Kantinen, Krippen und Wäschereien sollten es der sowjetischen Frau ermöglichen, ihre Arbeitskraft in der Produktion einzusetzen und ökonomische Unabhängigkeit vom Mann zu erlangen. In Anlehnung an Clara Zetkins Positionen hat sich u.a. Alexandra Kollontaj für die Gründung einer Frauenabteilung innerhalb der KP eingesetzt. In verschiedenen Schriften entwarf sie ein neues Bild der Frau. Besonders spannend ist, dass auch weniger bekannte Frauen vorgestellt werden, z.b. Aleksandra Vasil’evna Artjuchina, die von 1925-1930 die letzte Vorsitzende der Frauenabteilung war; oder Larissa Reisner, Kommissarin in der Wolgaflotte der Roten Armee.

Wichtiger Bestandteil der Frauenmobilisierungen waren die lokalen Delegiertenversammlungen, die der Schulung und Politisierung von Frauen dienten und den Möglichkeiten der Frauen im Alltag angepasst waren.

»Ich bin erst seit vier Monaten Delegierte, aber schon jetzt bin ich nicht mehr die, die ich früher war. (…) Für mich ist die Delegiertenversammlung eine Schule, dort sehe ich, wie ich auf einem grossen und hellen Weg vorwärts gehe.«[2]

1924 gab es 209’000 Delegierte, davon 24% Arbeiterinnen, 59% Bäuerinnen, 9% Angestellte und 8% Haus- und Arbeiterfrauen. 1929 waren über 1,5 Millionen Frauen als Delegierte tätig. 1933 wurden sie abgeschafft.

Hindernisse

Die Arbeit der ženotdely stiess auf strukturelle, finanzielle und soziokulturelle Schwierigkeiten. Das mobilisierte Frauenpotential arbeitete oft isoliert. Viele Umsetzungspläne scheiterten an der fehlenden Akzeptanz in Gewerkschaften, Wirtschaftsorganen und Parteiinstitutionen. Die ženotdely war durch ihre ständige Kritik, ihre Hinweise auf Missstände und Diskriminierungen eine unbequeme Einrichtung. Ebenso konnte sie die massiven sozialen Probleme nicht lösen, weshalb ihr Ineffektivität vorgeworfen wurde.

Delegierte berichteten häufig von Schwierigkeiten bei ihrem Eintritt in Parteiorgane, wo sie nicht ernst genommen wurden. Viele aktive Frauen wurden nach der Machtübernahme in den Frauen-Aufgabenbereich gedrängt und hatten wenig Führungsaufgaben. Der Frauenanteil in der Partei lag 1922 bei 8%, 1934 bei 16,5%.

1929 klagten Nadeshda Krupskaja und Zenotdely-Mitarbeiterinnen über diese Missstände. Die Veränderungen in der Lebensweise seien noch weit entfernt von den angestrebten Zielen der Gleichstellung. Nach wie vor binde der Kochtopf die Frauen an Herd und Familie. Es fehle an Krippen, Kantinen, Wäschereien und vor allem an der nötigen Aufmerksamkeit für weibliche Belange von Seiten der Partei- und Sowjetorgane.

Historischer Hintergrund

Für ihre Untersuchung wählte Scheide den Zeitraum von 1921 bis 1930: Mit dem Oktoberaufstand 1917 beginnt die erste Phase der sowjetischen Revolution und der Errichtung der proletarischen Macht. Bis zum Beginn der weissgardistischen Aufstände im Mai 1918 versucht die junge Sowjetmacht, die ökonomische Macht der Bourgeoisie zu brechen, indem sie die grossen Industrieunternehmen, die Bergwerke, die Banken, usw. nationalisiert und die Volkswirtschaft der Kontrolle der ArbeiterInnenklasse unterstellt. Die proletarischen Revolutionen im übrigen Europa bleiben aus. In der SU führen Bürgerkrieg und der Überfall der imperialistischen Armeen zu einer ökonomischen und politischen Praxis, die sehr verschieden ist von derjenigen, die angestrebt worden war. Am Ende des Krieges 1921 ist Russland verwüstet, es befindet sich am Rand der Hungersnot.

Unter diesen widrigen Umständen wurde eine neue ökonomische Politik (NEP) beschlossen, die die konkreten Schwierigkeiten beim Aufbau des Sozialismus in einem schwach industrialisierten Land wiederspiegeln. Als Folge der Wiederzulassung privatwirtschaftlicher Strukturen entstanden massive soziale Probleme: Die Arbeitslosigkeit, besonders unter Frauen, stieg an, viele suchten mit der Prostitution einen Ausweg aus der Armut. Gleichzeitig zogen sich Staat und Partei aus sozialen Programmen zurück. Die fehlende Finanzierung dieser Einrichtungen entzog der Frauenabteilung die Basis für ihre Emanzipationspolitik.

Das Ende

Mit der Durchsetzung Stalins in der Parteiführung 1929 wurden Oppositionelle aus der Partei ausgeschlossen. Dies markierte den Beginn des Herrschaftssystems des »Stalinismus« und damit das Ende der revolutionären Klassenkämpfe. Scheides Studie endet 1930 mit dem Erlass der Doktrin über die »Lösung der Frauenfrage« und der ersatzlosen Streichung der Frauenabteilung beim ZK der Kommunistischen Partei. Während die Umwandlung der Lebensweisen und die Emanzipation der Geschlechter bei Kollontaj, Lenin oder Trotzki noch eine zentrale Rolle spielten, gehörte dieses Ziel nicht mehr zu den Grundelementen der Politik der KPdSU. An die Stelle der emanzipierten »neuen Frau« trat das Bild der materiell gleichgestellten, in den Arbeitsprozess gleichberechtigt eingebundenen Frau, die zugleich ihren traditionellen Rollen als Mutter und Ehefrau gerecht zu werden hatte.

Mehrere Kulturrevolutionen notwendig

Die Frage, wieso das revolutionäre Emanzipationskonzept gescheitert ist, beantwortet die Autorin nicht allein mit der wirtschaftlichen Zwangslage zu Beginn des ersten Fünfjahresplans, sondern aus einer Summe von Faktoren, zu denen auch das Alltagsleben gehört. Dem können wir zustimmen. Allerdings möchten wir etwas Wesentliches hinzufügen: die Weiterentwicklung revolutionärer Emanzipationskonzepte ist ganz direkt mit der Fortführung der Klassenkämpfe verbunden. Mit der Analyse der Kommunistischen Partei, dass in der SU nach 1930 die Ausbeuterklassen liquidiert worden seien, wurde die Grundlage für eine weitere revolutionäre Entwicklung verhindert. Denn die Existenz staatlicher Eigentumsformen sind nicht zureichend, um kapitalistische Produktionsverhältnisse abzuschaffen. Erst die Umwälzung der gesellschaftlichen Aneignungsprozesse, wie dies am deutlichsten während der Kulturrevolution in China versucht wurde, gewährleisten den Übergang von kapitalistischen zu sozialistischen Produktionsverhältnissen und die Liquidierung der Bourgeoisie als Klasse. Erst dies ergibt die Grundlage dafür, dass die kulturellen Umwälzungen stattfinden und so patriarchale Denk- und Handlungsweisen bekämpft und abgeschafft werden können.

Das Buch von Carmen Scheide bestätigt, dass Klassen- und Frauenkämpfe Hand in Hand gehen; fehlt eines von beiden, kann es nicht vorwärts gehen; und, emanzipierte Geschlechterverhältnisse brauchen bewusste und anhaltende Anstrengungen, sie realisieren sich nicht automatisch im Klassenkampf.


[1] Kinder, Küche, Kommunismus. Das Wechselverhältnis zwischen sowjetischem Frauenalltag und Frauenpolitik von 1921 bis 1930 am Beispiel Moskauer Arbeiterinnen. Basler Studien zur Kulturgeschichte Osteuropas, Bd. 3, Dissertation 393 Seiten, Zürich, Pano-Verl., 2002

[2] Zitat aus Rabotnica 1926, Zeitung für die proletarischen Frauen