Marx nicht auf Philosophie reduzieren

PROFITRATENDISKUSSION Es gibt Debatten, ob Marx’ Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate noch gültig sei. Damit wird eine Kategorie abgelehnt, die für die revolutionäre Perspektive zentral ist. Wir dokumentieren die Fragestellungen dazu und die Möglichkeiten, das Gesetz auch mit konkreten Wirtschaftsdaten zu untermauern.

(gpw) „Ich habe verschiedne Male versucht – zur Analyse der Krisen –, diese ups and downs als unregelmäßige Kurven zu berechnen und geglaubt (ich glaube noch, dass es mit hinreichend gesichtetem Material möglich ist), daraus die Hauptgesetze der Krisen mathematisch zu bestimmen.“ Das schrieb Marx 1873 an seinen Freund Engels1.

Diese Briefstelle liegt quer zu den Versuchen der – nicht mehr so neuen – „Neuen Marxlektüre“2, Marx auf eine Kritik der herrschenden Produktionsweise – also letztlich auf Philosophie – zu reduzieren. Die „Kritik der politischen Ökonomie“, wie der Untertitel von „Das Kapital“ heisst, ist zwar zentral, aber Marx, Engels und MarxistInnen nach ihm wollen mehr: Aus einer klaren proletarischen Klassenposition heraus eine Wissenschaft begründen, welche die gesellschaftlichen Verhältnisse so korrekt als möglich darstellt und die überprüfbar ist, damit sie zur Waffe bei der praktischen Entwicklung einer revolutionären Perspektive werden kann.

Müssen wir zusammenpacken?

Es gibt objektive Schwierigkeiten, marxistische Theorie anhand von Zahlenmaterial, das die bürgerliche Wirtschaftswissenschaft zur Verfügung stellt, statistisch zu untermauern. Das Hauptproblem liegt in der marxistischen Methode selbst. Obschon Marx die damaligen Wirtschaftszahlen studiert und in seinen Texten beispielhaft angeführt hat, brauchte er das theoretische Werkszeug der Abstraktion, um auf dahinter liegende Begriffe zu kommen. Einfachstes Beispiel ist seine Bestimmung des Wertes einer Ware als „zur ihrer Herstellung gesellschaftlich notwendige abstrakte Durchschnittsarbeit“. Daraus abgeleitet sind Begriffe wie Mehrwert, Ausbeutungsrate, konstantes und variables Kapital, Produktivkraftentwicklung, die durchschnittliche Profitrate und das Gesetz ihres tendenziellen Falls. Auch sie sind Abstraktionen, obschon sie die Bewegungsgesetze des Kapitalismus und seiner Krisen ganz konkret bestimmen. Diese Konzepte widerspiegeln sich im vorhandenen Zahlenmaterial nicht direkt. Um daraus Annäherungen an solche abstrakten Konzepte zu machen, sind ebenfalls Abstraktionen und Interpretationen notwendig.

Nicht nur das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate (GTFPR) ist durch Marx nicht direkt statistisch bewiesen worden, wie Michael Heinrich3 – populärer Epigone der „neuen Marx-Lektüre“ – an sich richtig feststellt4, sondern alle anderen Begrifflichkeiten auch nicht. Können wir also zusammenpacken?

Fragestellungen

Wir nehmen die aktuelle Diskussion um den Wahrheitsgehalt des GTFPR zum Anlass, um aus diesem Dilemma herauszukommen. Es ist von Marx als historische Tendenz konzipiert worden, welche aufzeigt, dass die Ausbeutungs-Bedingungen für die kapitalistische Produktionsweise sich langfristig verschlechtern. Das heisst nicht, dass sie irgendwann von selbst zusammenbrechen wird, sondern nur, dass sie historische Grenzen hat. Auch Marx wusste, dass die Durchschnittsprofitrate zeitweise steigen kann, was den sogenannten „entgegenwirkenden Ursachen“ geschuldet ist. Konkret stellen sich drei Fragen (s. nebenstehende Illustration):

1. Kann die Ausbeutung dauerhaft so verschärft werden, dass sie den Fall der Profitrate langfristig ausgleicht und das Gesetz unwirksam macht?
2. Kann die Entwicklung der Produktivkraft bei der Herstellung der Produktionsmittel deren Wert so senken, dass die sogenannte „organische Zusammensetzung“ des Kapitals gar nicht ansteigt?
3. Entstehen nicht immer wieder neue Produktionszweige, in denen mit niedrigem Einsatz von Produktionsmitteln massenhaft neue Arbeitskräfte angestellt werden können?
 
Zwar gelingt es mit einer methodisch korrekten, geduldigen abstrakten marxistischen Analyse5 ohne weiteres, alle drei Hypothesen zu widerlegen, aber wir wollen für diesmal mehr.

Wir sind nicht die einzigen

Angesichts der oben geschilderten Schwierigkeiten, empirisches Datenmaterial an die Marx’schen Konzepte anzunähern, haben wir uns bis anhin damit beholfen, Kategorien der bürgerlichen Ökonomie zu suchen, die ähnlich verlaufen wie die Durchschnittsprofitrate und die organische Zusammensetzung des Kapitals. Für ersteres fanden wir das Verhältnis von Kapitalstock zum Volkseinkommen (Löhne, Gehälter, Gewinne). 1960 brauchte man in Deutschland einen Kapitalstock von etwa 1500 Mrd. DM um 1000 Mrd. DM Volkseinkommen jährlich zu erzeugen (Löhne, Gehälter, Gewinne). Eine 2,5-fache Sachkapitalausstattung brauchte man 40 Jahre später, um denselben Umfang an Löhnen und Gehältern zu erzeugen. Das nennt man sinkende Kapitalproduktivität. Sie ist zwar nicht dasselbe wie die sinkende Profitrate, beruht aber auf der gleichen Grundlage: der wachsenden organischen Zusammensetzung des Kapitals, der in der bürgerlichen Ökonomie die wachsende Kapitalintensität (Kapitalstock pro Arbeitsplatz) in einer Annäherung entspricht.

Es gibt verschiedene AutorInnen und Gruppierungen, welche das eingangs zitierte Anliegen von Marx zu konkretisieren versuchen (s. Kasten). Alle verwenden die soeben genannten Kategorien. Auch mit anderen Methoden kommen sie übereinstimmend zum Schluss, das sich in der Zeit des langen Nachkriegsaufschwungs für einzelne oder mehrer Länder der Fall der Profitrate statistisch belegen lässt, dass aber ab ca. 1980 ein Trend zu ansteigenden Profitraten besteht. Edvinsson kann die Tendenz zur sinkenden Kapitalproduktivität anhand von Zahlenmaterial seit dem 19. Jahrhundert nachweisen. Dunkhase benützt Zahlen, die direkt die Profitrate wiedergeben sollen.

Der empirisch feststellbare Trend zum Anstieg der Profitrate seit Ausbruch der chronischen Kapitalüberproduktionskrise kann nicht überraschen. Es kommen eine Reihe von „entgegenwirkenden Ursachen“ zusammen: der Übergang von der keynesianistischen zur neoliberalen Wirtschaftspolitik mit Angriffen auf die Arbeits- und Lebensbedingungen des Proletariates, die Auslagerung der Produktion in Billiglohnländer mit global ungeheurer Verschärfung der Ausbeutung, der Zusammenbruch des Realsozialismus und die nachholende Entwicklung von Ländern wie China, Indien und Brasilien, der konstante Druck auf die Rohstoffpreise und die Liberalisierung des Welthandels.

Trotz der längeren Dauer erachten wir diesen Anstieg als vorübergehend. Er dreht die langfristige Tendenz nicht um. Die wissenschaftliche Vertiefung der marxistischen politischen Ökonomie ist eine der Waffen, mit der wir der letzten Feuerbachthese umzusetzen versuchen: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern6.“
 
Kasten:
Projekte / AutorInnen zur Profitratenanalyse:

Die Profitratenanalysegruppe (PRAG) am Zentrum für Ökonomische und Soziologische Studien (ZÖSS) an der Hamburger Uni, http://www.profitratenanalyse.de. Im „Disscussion-Paper No. 4 kommt sie zum Schluss: „Für den gesamten Untersuchungszeitraum 1960-2006 konnten die empirischen Daten das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate nicht bestätigen“ (S. 23). Wir sehen eine Reihe von Fehlern bei ihrer Interpretation der marxistischen Begriffe und schliessen aus ihren Zahlen das Gegenteil7.
Rodney Edvinsson: A Tendency for the Rate of Profit to Fall? From Primitive to Flexible Accumulation in Sweden 1800-2005, Review of Radical Political Economics 42(4) (2010), 465–484. http://rrp.sagepub.com/content/42/4/465.abstract. Er untersucht historische „nationale Buchhaltungsdaten“ von 1800 bis 2005, die er leicht zur Verfügung hat, weil er selber eine Webseite über historische statistische Daten unterhält. http://www.historicalstatistics.org/.
Helmut Dunkhase8 verweist auf weiterführende Quellen: Alfred Müller: Wieso führt die kapitalistische Produktionsweise zum Profitratenfall?, in: Z. Zeitschrift für marxistische Erneuerung Nr. 80, S. 130-140; Paul Paul Cockshott und Allin Cottrell: Demography and the falling rate of profit, Indian Development Review, Vol.4, No. 1, (2006), S. 39-59, citeseerx.ist.psu.edu/viewdoc/summary?doi=10.1.1.110.7948; Adalmir Marquetti: Extended Penn World Tables: Economic Growth Data, homepage.newschool.edu/~foleyd/epw.