Vom 19. bis 23. Januar 2026 findet das Word Economic Forum (WEF) in Davos unter dem Motto «im Geiste des Dialogs» erstmals ohne Klaus Schwab an der Spitze statt. Grund genug, zurückzublicken. Mit BlackRock übernimmt ein neuer Akteur, um die Konzentration des Kapitals voranzutreiben.
(gpw) Opportunismus gehört zur DNA des Weltwirtschaftsforums. Der US-Präsident könnte dem WEF deshalb trotz der unerträglichen imperialistischen Handlungen der USA etwa gegen Venezuela einen Rekordandrang bescheren. Die offizielle Schweiz scheint im Augenblick noch zurückhaltend zu sein, obwohl ein Treffen zwischen Trump und Parmelin vermutet wird. Ob es den Politiker_innen doch ein wenig mulmig ist, in aller Öffentlichkeit einem Kriegsverbrecher die Hand zu schütteln, mit einer Hand dem «König» der USA zu hoffieren und mit der anderen die Bundesverfassung hochzuhalten, wie sie es gelobt haben? Die Einhaltung des Völkerrechts würde da auch dazugehören, weshalb ein derartige Spagat zum Scheitern verurteilt ist. Bereits im 2025 hatte Trump gemäss der «Financial Times» als Bedingung, dass er beim WEF seine Aufwartung macht, verlangt, dass Themen wie Geschlechter_vielfalt, Gleichberechtigung, Klimawandel und Entwicklungsfinanzierung vom Programm gestrichen oder in eine Schmuddelecke gestellt werden sollen. Wie die Story ausgehen wird, wird sich in Davos zeigen. Sicher ist, dass der Gründer Klaus Schwab nicht mehr von ganz oben grüssen wird.
Klaus Schwab organisierte in Davos die erste Zusammenkunft unter dem Namen European Management Symposium (geändert 1987 in World Economic Forum) zwischen dem 24. Januar bis 7. Februar 1971. Er konnte nebst Exponenten wichtiger europäischer Unternehmen, Dozenten führenden Business Schools der USA und Europa und Vertreter_innen von EU-Kommissionen, insbesondere auf die Unterstützung der Harvard Absolventen Kenneth Galbraith (Ökonom), Henry Kissinger (Politstratege und Kriegstreiber) und Hermann Kahn (Nuklearstratege) zählen. Sie waren mit der Finanzelite der USA bestens vernetzt, welche stärkeren Einfluss auf Europa nehmen wollte. Das WEF als globale Vernetzungsstruktur, Kaderschmiede (Forum der Young Global Leaders) und Thinktank (Berichte über die globale Wettbewerbsfähigkeit) für die internationale kapitalistische Elite war geboren. Dass auch Nazigrössen wie Wernher von Braun (Raketeningenieur und SS-Strumbannführer, mitverantwortlich für den Tod von mindestens 12‘000 Zwangsarbeiter_innen und Tausender weiterer Personen durch die Entwicklung der Flüssigkeitsrakete Aggregat 4 (V2)) oder Kriegsverbrecher Hermann Josef Abs (Aufsichtsrat der IG-Farben und nach dem Krieg Aufsichtsratvorsitzender der Deutschen Bank bis 1976) prominent Redezeit bekamen, störte nicht. Die NZZ bezeichnete 1972 das zweite WEF-Treffen als «Triumph einer Idee». Einer der Faschisten konnte allerdings seine am WEF zugedachte Rolle 1978 nicht mehr einnehmen. Das ehemalige NSDAP- und SS-Mitglied Hans Martin Schleyer war damals als Vorsitzender des Treffens vorgesehen. Sein Auftritt wurde durch die RAF verhindert.
Die 1970er Jahre waren Zeiten des Umbruchs. Die Nachkriegszeit mit genügend Investitionsmöglichkeiten für das Kapital war zu Ende, die Kapitalüberproduktionskrise übernahm das Zepter. 1971 entkoppelte der damalige US-Präsident Nixon den US-Dollar vom Gold (Nixon-Schock) und die feste Bindung der Wechselkurse an den US-Dollar wurde 1973 aufgegeben. Damit endete die Rolle des US-Dollars als globale Leitwährung. Diese absehbare Entwicklung dürfe die US-Finanzelite bewogen haben, stärkeren Einfluss auf die europäische Wirtschaft ausüben zu wollen. Ein weitere Meilenstein war damals der Jon-Kippur-Krieg arabischer Staaten gegen Israel, der den Ölpreis in die Höhe schnellen liess und für eine globale Energiekrise sorgte. Kissinger schaffte es, die OPEC mit Waffenlieferungen dazu zu bewegen, Öl ab sofort nur noch in US-Dollars zu handeln und die Währung indirekt wieder zur globalen Leitwährung zu machen.
Aufstieg des Neoliberalismus
Die Exponent_innen des Kapitals reagiertenauf die Kapitalüberproduktionskrise mit einer neoliberalen Wirtschaftspolitik: Deregulierung, Liberalisierung und Globalisierung. Durch Auslagerung der Produktion in Gebiete mit geringeren Reproduktionskosten der Arbeiter_innen, Herunterdrückens des Lohnes und der Ausweitung der globalen Handels und Kostensenkung beim konstanten Kapital, inkl. Digitalisierung, konnte dem tendenzielle Fall der Profitrate jahrelang entgegengewirkt werden. Schwab setzte sich damals scheinbar von neoliberalen Konzept und der Friedman-Doktrin des Kapitalismus der Aktionäre (shareholder) ab und prägte den Begriff «Kapitalismus der Anspruchsberechtigten (stakeholder capitalism)». Der Profitmaximierung setzte er seine idealistische Vision entgegen, dass es beim Kapitalismus auch um das Wohl der Arbeiter_innen, Kunden, Regierungen, mithin der gesamten Gesellschaft und um den Schutz der Umwelt gehe. Als geschickter Schachzug nehmen am WEF deshalb auch Kulturschaffende sowie Natur- und Sozialwissenschaftler_innen teil. Sie sollen dem Treffen den Anschein der Sozialverträglichkeit geben und die Legitimationskraft des imperialistischen Kapitals für ihre Plattform der Selbstdarstellung erhöhen.
Die Grenzen der neoliberalen Wirtschaftspolitik und das geostrategische Wirken der Regierungen begrenzt allerdings auch die Wirksamkeit des WEF. Schwabs Ideen sind nichts weiter als ein Bekenntnis zum Kapitalismus unter den bestehenden politischen und gesellschaftlichen Strukturen, verbunden mit einem wirkungslosen Appell an das Gewissen der Mächtigen, die sich mit dem Verweis auf äussere wirtschaftliche und politische Sachzwänge reinzuwaschen pflegen. Eine Verbesserungen der Lebensbedingungen oder der Schutz der Umwelt mithilfe des WEF zu behaupten, ist verlogen.
So lud Schwab beispielsweise 1974 (nach dem Putsch in Chile 1973) Dom Hélder Camara (Geistlicher aus Brasilien), ein scharfer Kritiker der internationalen Unternehmungen oder den Meeresforscher Jaques Cousteau nach Davos ein, der die Elite aufforderte, Massnahmen zum Schutz der Meere zu ergreifen. Die Appelle wurden ebenso wenig gehört, wie dies heute der Fall ist oder 2018 als der Biologe Attenborough ein düsteres Bild der Erde wegen der Klimaerwärmung malte. Der Zweck wird jedoch erfüllt. Durch die Einladung kritischer Personen gibt sich das WEF den Anschein einer Organisation, welche die Probleme der Zeit ernst nimmt und offen diskutiert. Ebenso versuchte Schwab ab den Protesten von Globalisierungsgegner_innen Anfangs der Nuller Jahre, etwa in Seattle im Dezember 1999, die Führungen der NGO nach Davos einzuladen, um sie von der Basis zu entfremden und für seine Interessen zu instrumentalisieren. Als Antwort darauf wurde – nebst dem kontinuierlichen Widerstand der politischen Widerstandsbewegung und revolutionärer Kräfte – von mehrheitlich reformistischen Kräften ab 1999 «das andere Davos» ins Leben gerufen, um dieser Vereinnahmung eigenen Standpunkte entgegenzusetzen.
Die Grenzen der neoliberalen Wirtschaftspolitik und das geostrategische Wirken der Regierungen begrenzt auch die Wirksamkeit des WEF. Schwabs Ideen sind nichts weiter als ein Bekenntnis zum Kapitalismus und den bestehenden politischen und gesellschaftlichen Strukturen, verbunden mit einem wirkungslosen Appell an das Gewissen der Mächtigen, die sich mit dem Verweis auf äussere wirtschaftliche und politische Sachzwänge reinzuwaschen pflegen. Eine Verbesserungen der Lebensbedingungen oder des Schutzes der Umwelt durch das WEF zu behaupten, ist verlogen. Jede fünfte Kind lebt aktuell gemäss einem Bericht der Hilfsorganisation «save the children» in einem Kriegsgebiet, und die Klimaerwärmung hat verheerenden Folgen. Dies muss nicht mehr bewiesen werden.
Gehilfe des Klassenkampfs von oben
Klaus Schwab und sein WEF besassen die Fähigkeit, technologische und politische Entwicklungen frühzeitig zu sehen und die Zeichen der Zeit zu nutzen, die Elite der verschiedensten Regionen in seine Strukturen einzubinden. So lud er beispielsweise Deng Xioaping 1979 umgehend nach Davos ein, als sich 1978 in China eine Lockerung der zentralistischen Planwirtschaft abzeichnete. Als sich mit der Geburt der ersten IT-Giganten die Digitalisierung und der Kampf um die Herrschaft über die Daten zu entwickeln begann, führte dies ab 1985 zu ersten Treffen der Telekommunikationskonzerne mit der Industrie. Um die Jahrhundertwende wurde an einem Treffen des WEF die Globale Allianz für Impfung und Immunisierung (GAVI) gegründet. Beteiligt waren damals die WHO, UNICEF, die Weltbank und die Bill und Melinda Gates Stiftung. Vordergründig wollten sie den Zugang von Entwicklungsländern zu Impfstoffen vereinfachen (COVAX Programm). Ihr Ziel war jedoch vor allem auch eine für Konsument_innen wenig nützliche Verknüpfung von Gesundheits- und Wirtschaftspolitik für eine Stärkung der Pharmaindustrie. Es kam einerseits zu einer Absicherung gegen Verluste bei der Entwicklung von Impfstoffen auf Kosten der Steuerzahlenden und in den letzten Jahren zu einer Unterstützung der Interessen der politische und wirtschaftlich orientierten Datensammler_innen (biometrische Daten), die autoritären Strukturen sehr entgegenkommen. Während COVID_19 verpflichteten sich an einer GAVI – Konferenz Deutschland, Frankreich, Grossbritannien und die Schweiz zur Zahlung von Milliardenbeträge für die Finanzierung der Pharmariesen. Als Gegenleistung kauften sie den Markt leer, bevor die Hilfe an die ärmeren Länder gelangen konnte, was damals internationale Beobachter_innen oder Organisationen wie Oxfam (Internationaler Verbund von Hilfsorganisationen, mit dem Ziel Menschen finanzschwachen Ländern nachhaltige Lebensgrundlagen zu sichern) stark kritisierten.
Unter Patron Klaus Schwab spielten alle Formen von Kapital eine wichtige Rolle: Das produktive – man bedenke die wichtige Rolle von Nestlé – das Handels- und das zinstragende, das heisst fiktive Kapital (internationales Bankensytem), und in allen Bereichen die Top-Manager_innen. Die Banken kamen ab den 1970er Jahre durch die Kapitalüberproduktionskrise unter Druck, als der Kreditbedarf des produzierenden Kapitals abnahm. Sie benötigen neue Möglichkeiten Profit zu generieren. Im Zuge der Deregulation im Rahmen der neoliberalen Doktrin wurden auch die Regelungen für das fiktive Kapital immer mehr gelockert. Hedgefonds (hochriskante Investmentfonds unabhängig der allgemeinen Marktentwicklung) wurden zugelassen und immer neue noch riskantere Produkte entwickelt, um den Banken eine Einkommen zu garantieren. Überproduziertes Kapital, welches vernichtet werden kann, war und ist vorhanden. Ein Einsatz dieser Mittel für die Reproduktion der Arbeiter_innen, bzw. der besitzlosen Klassen, ist im Kapitalismus ja nicht vorgesehen.
Ohne Skrupel wurden auch die von den Imperialist_innen ausgetragenen (Stellvertreter_innen)Kriege kritiklos unterstützt, etwa, als der dritte Golfkrieg mit der Lüge begann, dass Irak Massenvernichtungswaffen besässe. Schwab nutzte vielmehr die Spannungen, um unter dem zynischen Motto, dass Wachstum zur Linderung der Armut beitrage, internationalen Players eine Plattform für zukünftige lukrative Abkommen in den zerbombten Regionen zu bieten.
Niedergang des Neoliberalismus
Spätestens ab der Finanzkrise 2008 trat es offen zu Tage, dass das neoliberale System keine Zukunft hat. Die Geld- und Zinspolitik als Instrument der Wirtschaftslenkung hat versagt. Allein in der USA wurden 19.2 Billionen US-Dollar an Vermögen vernichtet, etwa das 25-fache des jährlichen Schweizerischen Inlandsprodukts. Zentralbanken mussten in das deregulierte System eingreifen und die Leitzinse senken. Neues Geld wurde auf den Markt werfen. Die Kommunikation des WEF zielte unter dem Slogan der globalen Umgestaltung in diesen Jahren darauf ab, die Kürzungen der Regierungen bei den Sozialausgaben im eigenen Land und bei der Unterstützung von Schwellenländern zu legitimieren. Sie wollten dem Kontrollverlust der Mächtigen aufgrund des Widerstands der Bevölkerung wegen der globalen Rezession (etwa in Griechenland oder indirekt beim arabischer Frühling) mit dieser Austeritätspolitik entgegenzuwirken. Innerhalb kurzer Zeit entstand ein Netzwerk lokaler Knotenpunkte für die Vernetzung aufstrebender Führungskräfte aus Wirtschaft und Politik. Das WEF selbst hatte keine Finanzprobleme. Allein das WEF-Schweiz verbuchte im Geschäftsjahr 2009/2010 Einnahmen von CHF 143 Millionen.
In den letzten Jahren traten die Umwälzungen durch die COVID-19 Krise, die vierte Industrielle Revolution und die Klimakrise in den Vordergrund des WEF. Schwab trat 2020 mit seiner Vision des grossen Umbruchs an die Öffentlichkeit. Er nahm die Gesundheitskrise zum Anlass, um über eine Neugestaltung der Welt nachzudenken, welchen den globalen Eliten ihre Macht erhalten soll, sei es durch die Einführung einer digitalen Zentralbankwährung oder durch eine Monopolstellung über die Welt der Daten und des Finanzsystems.
WEF: Next Generation
Schwab agierte für die global herrschende Elite, ohne eine spezielle Branche oder Unternehmung zu repräsentieren. Das ändert sich nach seinem Abgang. Interimstisch übernimmt mit BlackRock definitiv das fiktive Kapital, das infolge der unumkehrbaren Kapitalüberproduktionskrise wächst und wächst, die Vorherrschaft. Larry Fink, Gründer und CEO des Vermögensverwaltungsgiganten, wurde bereits 2019 in des Führungsgremium des WEF gerufen. Im Gegensatz dazu hat sich Roche bis heute zum WEF auf Distanz gehalten. Nun übernimmt André Hofmann als interimistischer Co-Präsident nebst Fink zwar scheinbar die Vertretung des produktiven Kapitals, aber als Person vertritt er nicht das Unternehmertum resp. das Management des Pharmakonzerns, sondern den Shareholder Value, die dünne herrschende Schicht der Nicht-Arbeiter_innen, die vom Mehrwert leben, den die Arbeiter_innen produzieren. Wie weit er eine einflussreiche Rollte spielen kann, bleibt abzuwarten.
Das WEF ist nicht die einzige globale Konferenzorganisation, bleibt jedoch bis jetzt als skrupelloses Netzwerk für die globalen Elite von Wirtschaft und Politik speziell. Solange alle wichtigen Players das Netzwerk und seinen diversen Institutionen für die Umsetzung ihrer geostrategischen, politischen und wirtschaftlichen Interessen nutzen können, lohnt es sich für diese, dabei zu sein. Es gibt kaum einen anderen Ort, an dem man sich mit so vielen Spitzenkräften treffen und medienwirksam werden kann. Die Frage bleibt offen, ob die Visionen von Klaus Schwab weiter verfolgt werden. Der Einfluss von BlackRock dürfte bereits jetzt gross ein. Sie verfügen mit Aladdin (Netzwerk für Aktiva, Passiv, Anleihen und derivative Anlagen) über ein System zur Datenanalyse für das Risiko- und Inverstmentmanagement, welches bereits von zahlreichen Grosskonzernen und Zentralbanken genutzt wird. Es wird Larry Fink ein Anliegen sein, seinen Einfluss auszuweiten und für das überproduzierte Kapital neue Profitmöglichkeiten zu finden.