USA: Von der alten zur neuen Weltordnung

Der Militärschlag der USA und Israels gegen den Iran begann mit der gezielten Bombardierung einer Schule. Später folgten Flächenbombardements und Angriffe auf zivile Infrastruktur. Eine Einordnung, worauf die amerikanische Kriegslust basiert. (geschrieben im März 2026)

(az) Dass dieser Krieg mörderisch ist, verheimlicht von Beginn weg niemand. Auf die Frage nach den möglichen Opfern antwortete Trump jüngst schulterzuckend: «Wenn du in den Krieg gehst, werden einige Menschen sterben.» Einmal mehr liegt eine ganze Region in Trümmern. Die weiteren Folgen sind vorhersehbar: Auf den tödlichen Krieg folgen Instabilität, Hunger und neue Not, schon alleine, weil zentrale Handelsrouten unterbrochen sind und davon einmal mehr die ärmsten Länder dieser Welt besonders betroffen sein werden. Dass die USA ihre Vormachtstellung auch militärisch absichern, ist nicht neu. Von Bushs Golfkrieg über Obamas und Bidens Drohnenkriege bis hin zu Trumps Militärschlägen in aller Welt gehört es auch zur jüngeren Kontinuität der amerikanischen Politik, ständig Kriege in unterschiedlicher Intensität zu führen. Immer unterstützte man dabei Israel in seinen genozidalen Ambitionen und immer war der Iran Projektionsfläche imperialistischer Gelüste. Dennoch stellt sich die Frage, warum die Regierung Trump jetzt auf eine besondere Eskalation setzt, und mitunter ohne viel strategischem Denken agiert.

Verschiedene Kontexte

In der Frage nach den Ursachen spielen Trumps Person, die ideologischen Überzeugungen seines Regierungspersonals und die ökonomischen Interessen des Kapitals als prägende Kräfte zusammen, auch wenn sie unterschiedlich stark oder auch nur indirekt zum Tragen kommen. Wie sich dieses Zusammenspiel konkret denken lässt, hat der amerikanische Politikwissenschaftler Jeff Colgan anhand des Öls angedeutet. Von den sieben Ländern, in denen Trump in seiner zweiten Amtszeit militärisch intervenierte, sind fünf grössere Ölproduzenten. Für Colgan ist klar, dass das statistisch kein Zufall sein kann. Öl setzt laut Colgan in all diesen Fällen den Kontext der amerikanischen Politik, auch wenn seine Rolle nicht überall gleich gewichtig ist. Mal geht es um dessen direkte Kontrolle, mal legt es nur die Basis dafür, dass diese Regionen bestimmte politische Formierungen hervorbringen. Man muss den weiteren Thesen Colgans nicht folgen, aber methodisch sind die Überlegungen dahinter hier wertvoll: Verschiedene Kontexte – ideologische wie materielle gleichermassen – prägen die imperialistische Politik der USA. Dazu gehört neben dem bereits angesprochenen Öl und dazugehörigen Energiefragen die Konkurrenz mit China, die Expansionslust, eine rechte Konterrevolution, die in der Brutalität des Krieges ein Zeichen von Stärke sieht, und als Moment, in dem all das zusammenkommt, die Neuausrichtung am Ende des Neoliberalismus.

Energiepolitik als Imperialismus

Die amerikanische Pressesprecherin Karoline Leavitt schrieb einige Tage nach dem Beginn des Krieges gegen Iran stolz, dass die USA dank Trumps Führung der grösste Öl- und Gasproduzent blieben. Hierfür werde die Regierung die «amerikanische Energiedominanz» weiter ausbauen, auch dank «unserem neu gefundenen Öl in Venezuela». Zugleich versicherte man den verunsicherten Ölhändlern und Reedereien Unterstützung: Das ganze «Energie-Team» von Trump werde für Sicherheit an der Strasse von Hormuz sorgen, schliesslich habe man «dafür geplant». Eine Regierungssprecherin, die nach einem imperialistischen Überfall von neu erschlossenem Öl spricht und offenlegt, dass die Regierung lange auf genau dieses Szenario hingearbeitet hat, wäre früher ein Skandal gewesen. Heute spricht man sowohl in Pressekommentaren als auch in öffentlich zugänglichen Strategiepapiern offen darüber: Energiepolitik ist imperialistische Machtpolitik, und die USA wollen darin führend sein.

Genauer gesagt handelt es sich dabei um fossile Politik, die ihre Geopolitik nach dem Interesse an Dominanz im fossilen Energiebereich ausrichtet. Die Ausweitung der Energiedominanz heisst nicht zwingend, dass man jeden einzelnen Erdöltropfen selbst produziert, sondern dass man nach politischer Kontrolle über die OPEC-Staaten (Organisation erdölexportierender Länder) strebt. Nach der Unterwerfung Venezuelas und dank der guten Kontakte zu den arabischen Königreichen, die immer schon Schosshunde des US-Imperialismus waren, klappt das für die USA ganz gut. Nur der Iran blieb ein Dorn im Auge, auch weil das Land trotz Sanktionen stets selbst bestimmte, wohin es seine Ressourcen exportierte. Der Angriffskrieg will dieser eigenständigen Energiepolitik gewaltsam ein Ende setzen, wenn auch die Folgen davon unklar bleiben. Denn auch die amerikanische Energiepolitik wird durch die Sprunghaftigkeit Trumps geprägt. Öl-Unternehmen profitieren zwar mittel- bis langfristig von steigenden Preisen, selbst wenn die Produktion kurzfristig unterbrochen wird. Aber schon in Venezuela musste die Ölindustrie Trump nahelegen, dass seine Pläne nicht sonderlich durchdacht waren. Das wird im Iran nicht anders sein, denn dieser weiss um die wirtschaftliche Bedeutung des Öls und greift, militärstrategisch geschickt, entsprechend die Förderanlagen seiner Nachbarsländer an.

Ein Kampf gegen China…

Der Krieg gegen den Iran findet nicht im geopolitischen Vakuum statt, sondern entlang zweier zentraler Achsen: Einerseits geht es um die Konkurrenz mit China, die, wenn auch indirekt, längst kriegerischen Charakter angenommen hat. Andererseits geht es um die Bündnistreue gegenüber Israel, das die amerikanische Politik mitzubestimmen vermag.

Dass China der zentrale Feind der amerikanischen Regierung ist, zeigt sich immer wieder. Zollforderungen, Reindustrialisierungspläne und militärische Aufrüstung richten sich schon längst primär gegen den asiatischen Konkurrenten. Die These, die amerikanische Politik im Wesentlichen als Kampf gegen China zu lesen, vertritt auch der argentinische Ökonom Alejandro Marcó del Pont, der in Trumps Aussenpolitik kein Chaos, sondern einen kohärenten Plan erkennt. Das zentrale Interesse der USA bestehe darin, China zurückzudrängen. Hierfür würden die staatlichen Ressourcen in jenen Gegenden konzentriert, in denen dieser Kampf geführt werden kann, während man andernorts, wie in Europa, seine Aktivität zurückschraubt. Das gilt für Lateinamerika, wo man China, wie in Venezuela, verdrängen will. Und das gilt auch für den Iran, der für China als Öllieferant von Bedeutung ist und als solcher nicht leicht zu ersetzen ist, insbesondere nicht, wenn man bereits den Zugang zu Venezuela verloren hat.

In der globalen Auseinandersetzung zeichnet sich ein Dauerkonflikt mit China ab, der zwischen entspannteren Phasen und konkreten Auseinandersetzungen in Drittstaaten wie im Iran schwankt. Die geführten Zwischenkriege sind dabei bereits militärisch als Konflikt mit China lesbar: Der Iran hat sich mit chinesischer Luftabwehr und Drohnen ausgerüstet, und das iranische Schlachtfeld wird zum Testlauf für die Frage, wie gut das chinesische Material gegen das amerikanische funktioniert. Womöglich macht die Regierung Trump allerdings denselben Fehler, der die USA seit Vietnam immer wieder einholt: Sie unterschätzt, auch aufgrund rassistischer Weltbilder, die angegriffenen Länder. Als Luftkrieg oder als zeitlich begrenzte Militäroperation lässt sich ein Konflikt kurzfristig gewinnen, langfristig jedoch nicht. Und indem China in dieser Situation wenig tut, stärkt es seine Position; nicht aus Menschlichkeit, sondern, wie bereits während des Krieges gegen Gaza, aus dem strategischen Kalkül, durch pragmatisches Abwarten vom globalen Chaos zu profitieren.

… und für Israel

Aus strategischem Kalkül handelt auch Israel, wobei in dieser Strategie genozidale Phantasie und politischer Plan längst ununterscheidbar miteinander verschmolzen sind. Israel war es, das Trump den entscheidenden Hinweis für den Zeitpunkt des Angriffs lieferte, und Israel war es, das im Gegensatz zur erratischen Politik Trumps von Beginn an genau wusste, wie es diesen Krieg zu führen hat: erst als Flächenbombardement im Iran, dann als ebenso lange geplantes Flächenbombardement im Libanon, schliesslich als erneuter Einmarsch im Nachbarland. Die Blaupause dafür ist der genozidale Krieg in Gaza, dessen mörderische Politik der Zerstörung nun ausgeweitet wird, auch als parallel laufende Ausdehnung der Besatzungspolitik im Westjordanland und in Syrien. Zwar gibt es unter den Trump-Anhänger_innen mittlerweile auch Kritiker_innen Israels – wobei die Gründe dafür meist nicht emanzipatorisch sind. Doch an der Bündnistreue Trumps zu Israel ändert das aktuell noch nichts, auch weil in den USA der evangelikale Zionismus und eine Reihe weiterer rassistischer Positionen genügend ideologische Überschneidungen zwischen den beiden Kriegsnationen bieten.

Vielleicht reicht die Gemeinsamkeit von Israel und den USA mittlerweile aber auch tiefer: Noch jede rechtsextreme Ideologie pflegte auf irgendeine Weise den Traum von neuem Territorium und Lebensraum. In Israel ist es die Ausdehnung des Staatsgebietes, in den USA der neue Traum einer Hemisphäre, in der man tun und lassen kann, was man will, einschliesslich der Aneignung von Ländern wie Grönland. Bei der Verwirklichung dieser Träume kann man sich derzeit aufeinander verlassen.

Krieg als Teil der Konterrevolution

Wer den Pressekonferenzen von Kriegsminister Pete Hegseth oder den Verlautbarungen des Trump-Vertrauten Stephen Miller folgt, wird feststellen, dass klassische Themen der Geopolitik darin eine erstaunlich geringe Rolle spielen. Hegseth und Miller sprechen wenig von China, und auch die globale Bedrohungslage scheint sie kaum zu beschäftigen. Stattdessen äussern sie sich beinah täglich über ein Militär, das unter Biden zu «woke» geworden sei und deshalb, so Miller, keine richtigen Kriege mehr geführt habe, oder das sich, so Hegseth, bisher an falsche «Einsatzregeln» habe halten müssen. So werde Krieg der Gegenwart mit voller Härte geführt. Es gebe darin «keine demokratischen Übungen, keine politisch korrekten Kriege» mehr, sondern nur noch militärische Härte, die den Lauf der Dinge bestimme. (Kriegs-)Völkerrecht soll darin keine Rolle mehr spielen. Das heisst nicht, dass der moralische Kompass dabei verloren gegangen wäre. Für Hegseth, der islamophobe Tattoos auf seinen Armen trägt, ist es vielmehr die Bibel, die den Weg vorgibt. Der christliche Nationalismus spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle in der ideologischen Mobilisierung der Bevölkerung für den Krieg. Allerdings ist er in diesem Fall vielleicht nicht einmal das zentrale Argument.

Hegseth, Miller und so manch anderes Führungspersonal führen jene Konterrevolution fort, die wir vor zwei Ausgaben dieser Zeitung bereits als Charakteristikum der gegenwärtigen Rechtsentwicklung beschrieben haben. Der Krieg ist dabei wesentlicher Teil der kulturellen Konterrevolution. Militärische Härte gilt als zentraler Beweis von Stärke und Männlichkeit. Brutalität ist darin nicht mehr bloss militärisches Mittel zum Zweck, sie ist der Zweck des Krieges. Damit einher geht eine faschistische Ästhetisierung des Krieges. Gemacht für ein Zielpublikum auf Instagram und Tiktok, werden die grössten Explosionen täglich im Kurzformat präsentiert, unterlegt mit neuester Popmusik oder Szenen aus Kriegsspielen wie Call of Duty. Je grösser dabei die Explosion, desto besser.

Man sollte diese Inszenierungen des Krieges nicht einfach als propagandistisches Detail abtun. Denn darin zeigt sich ein charakteristisches Merkmal der gegenwärtigen Faschisierung: die Normalisierung und Ästhetisierung staatlicher Gewalt, die nicht nur das Recht zum Töten beansprucht, sondern dieses auch noch in Dauerbeschallung zu inszenieren weiss. Und die diese Gewalt zugleich immer wieder real inszenieren muss, will sie ihren eigenen Ansprüchen genügen. Krieg ist darin die logische Konsequenz. Oder auf die konkrete Situation übertragen: Wenn man schon einmal die gesamte Armada an Kriegsmaterial verschifft hat, dann muss man diese Situation nutzen und zuschlagen, selbst wenn eine diplomatische Lösung längst auf dem Tisch lag.

Machtkampf im Interregnum

Aus Kontexten allein ergibt sich noch keine zusammenhängende Erklärung. Und relevant werden diese für uns auch erst dort, wo man sie in ein Verhältnis zu zwei weiteren Kategorien setzen kann: zum Kapital und zur Klasse. Ein Vorschlag lautet, die aktuelle Situation umfassender als Krise zu lesen, in der es am Ende des Neoliberalismus zur Suche nach einer neuen Ordnung kommt und zugleich zu einer chaotischen Übergangsphase. Kurz gesagt führen sinkende Profitraten in den neoliberalen Zentren und eine globale Wirtschaftslage, in der es nach Jahrzehnten Dominanz westlicher Unternehmen tatsächlich kapitalistische Konkurrenz in anderen Weltregionen gibt, zu neuen politischen Antworten, die sowohl Wähler_innen mobilisieren als auch für das Kapital interessant werden. Dazu gehört das Programm Trumps, das einerseits Wirtschaftsaufschwung durch Deregulierung verspricht, andererseits eine Stärkung des Staates als Vertreter nationaler Kapitalinteressen anstrebt. Der Preis dafür sind stark ideologisierte Staatsapparate und eine neue Kriegsbereitschaft.

Diese Entwicklung kann man auch etwas umfassender formulieren: Analog zu Marx‘ These über die ursprüngliche Akkumulation, ist Gewalt nicht nur «Geburtshelfer» einer «alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht», sondern auch konstitutiv für einen Epochenumschwung innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise. Diese Gewalt ist kriegerische Gewalt in Form imperialistischer Kriege und zugleich Ausdehnung des Disziplinierungs- und Machtanspruchs des Kapitals gegenüber der Ware Arbeitskraft, die gleichzeitig kriegs- wie wirtschaftstüchtig gemacht werden soll. Im Krieg gegen den Iran verdichten sich all diese verschiedenen Stränge weiter: Erstens sichert die fossile Energiepolitik die materielle Grundlage, auf die man in den USA auch in der neuen Ordnung setzen will – dass gerade die fossile Energie zum Scheitern der amerikanischen Politik gegenüber dem Solarimperium China beitragen wird, sei dahingestellt. Zweitens definiert der Kampf gegen China den geopolitischen Charakter der kommenden Epoche. Drittens sorgt die kulturelle Konterrevolution für die ideologische Mobilisierung im Innern, die für eine neue Ordnung notwendig ist. Dass all das gleichzeitig stattfindet, ist kein Zufall, sondern Ausdruck eines Interregnums, in dem ökonomische Krise, imperialistische Neuordnung und reaktionäre Formierung einander bedingen, und in dem der Krieg nicht Ausnahme, sondern Normalzustand ist. Unklar bleibt dabei, wohin sich die Welt in dieser Phase letztlich bewegt und ab wann wieder von einer festen Ordnung die Rede sein kann.

aus: aufbau 125