Wer die Kinder und Jugendlichen erzieht, trägt eine riesige Verantwortung. Dennoch, oder gerade deshalb, wird vieles, was eine Lehrperson zu leisten hat, vorausgesetzt, unsichtbar gemacht und entsprechend nicht oder schlecht bezahlt. Vorbereitung, Elterngespräche, individuelle Förderung, Inklusion, Absprachen und all die kleinen Dinge, ohne die Schule nicht funktioniert. Der nBA macht sie zwar symbolisch sichtbar, ist aber eigentlich ein Hohn. Der neue Berufsauftrag ist typisch für die Care-Arbeit, die klassischerweise feminisiert ist: prekär!
Wir können und sollten kämpfen
Die Geschichte des nBA zeigt, wie Reformen unter neoliberaler Sparpolitik aussehen. Die Einführung der nBA wurde 2017 als Fortschritt verkauft: Unsichtbare Arbeit werde sichtbar, Überlastung solle verhindert und die Arbeit gerechter verteilt werden. Allerdings wurde die „Reform“ nur unter der Bedingung der Kostenneutralität eingeführt. Symbolische Geste und gleichzeitig ein Steuerungsinstrument: genauere Planung und Steuerung der Arbeitskraft der Lehrpersonen durch Schulleitungen war ein ausdrücklich genanntes Ziel der Reform.
Eine ähnliche «Reform», die symbolisch viel verspricht, aber Abbau bedeutet, haben wir mit der Einführung der Tagesschule erlebt. Verkauft wurde sie unter anderem mit dem Versprechen eines ganzheitlichen pädagogischen Konzepts und mehr Chancengerechtigkeit. In der Praxis dienten diese Argumente vor allem dazu, die Reform politisch durchzubringen, umgesetzt wurden schlechtere Betreuungsschlüssel, Massenabfertigung über Mittag, weniger Zeit für Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf und eine generelle Abwertung der Betreuungsarbeit – de facto ein Sparprogramm gegen die Horte.
Gegenmacht statt Ohnmacht
Deshalb darf es heute nicht bloss um einen nBA gehen. Selbst die Gewerkschaft vpod bezeichnet ihn als Kompromiss. Entscheidend ist, ob eine dauerhafte Organisierung an den Schulen entsteht. Denn solange Bildungspolitik nur in Parlamenten verhandelt wird, bleiben Reformen faule Kompromisse oder Mogelpackungen. Erst organisierte Bildungs- und Betreuungsarbeiter_innen können dafür sorgen, dass bessere Arbeitsbedingungen und bessere Bedingungen für Kinder nicht nur versprochen, sondern durchgesetzt werden.
Die Geschichte und auch die Gegenwart zeigen, dass Lehrpersonen sich organisieren können und in Klassenkämpfen eine wichtige Stellung einnehmen. Insbesondere sind Lehrpersonen stark, wo sie ihre Kämpfe über die Verteidigung des Berufsstands hinaus mit weiteren bildungspolitischen Fragen verbinden. Die meisten von uns sind heute nicht nur gegen Überlastung und für bessere Arbeitsbedingungen auf der Strasse, sondern auch für eine andere Bildung: für echte Inklusion, geschlechtergerechte und rassismuskritische Pädagogik, individuelle Förderung und eine Betreuung, die Zeit für die Bedürfnisse der Kinder hat. Wir Lehrpersonen und Betreuer_innen sehen jeden Tag, was Kinder könnten, wenn genug Zeit, Unterstützung und passende Förderung da wäre. Gleichzeitig erleben wir, wie früh Möglichkeiten zugeschüttet werden, weil Ressourcen fehlen.
Arbeitsbedingungen und Qualität der Bildung
Und doch fehlt in der Kritik an der Bildungspolitik auffällig oft eine entscheidende Frage: Welche Funktion erfüllt Bildung im Kapitalismus? Offensichtlich ist, dass sie Arbeitskräfte zu qualifizieren hat, unterschlagen wird hingegen oft, dass sie ebenso soziale Ungleichheit politisch zu legitimieren hat. Dafür liefert die Meritokratie die zentrale Rechtfertigung: Ungleichheit soll nicht als Ergebnis von Klassenverhältnissen erscheinen, sondern als gerechtes Resultat unterschiedlicher individueller Leistung.
Wo die Kritik am Bildungssystem meist beim Bekämpfen von Diskriminierung endet und eine echte Meritokratie fordert, muss eine antikapitalistische Kritik jegliche Selektion angreifen. Statt Sortierung nach vermeintlicher Leistung – statt Leistungsgerechtigkeit -, muss die Förderung nach Bedürfnissen und Fähigkeiten radikal in den Mittelpunkt gesetzt werden. Dieses Prinzip müssen wir schon heute in Schule und Betreuung verteidigen – nicht als fernes Ideal, sondern als konkrete Gegenlogik zur Meritokratie. Jede_r nach seinen Fähigkeiten, jede_m nach seinen Bedürfnissen statt Verteilung nach Leistung ist nicht zufällig ein kommunistisches Prinzip: Es stellt die Bedürfnisse der Menschen über ihre Verwertbarkeit und Konkurrenzfähigkeit. Die kapitalistische Ordnung ist auf unbezahlte Reproduktionsarbeit und auf die zukünftige Ausbeutung von Arbeitskräften angewiesen. Das ist unser Hebel, nutzen wir ihn.
Auf zum Care Streik 2027
Der kommende Care Streik 2027 bietet dafür eine gute Möglichkeit, wenn wir konkrete Arbeitskämpfe ins Zentrum stellen. Aktuell spannen VPOD, die Basisgruppe Trotzphase und die feministische Bewegung zusammen, um in der Kita-Branche einen GAV – damit Verbesserungen für die Betreuer_innen und die Betreuungsqualität – durchzusetzen. Ein Präzedenzfall, wie Klassenkampf und feministische Forderungen zusammen etwas erreichen können. Dafür müssen alle an einem Strick ziehen.